Pagode Linh Thuu Berlin

Am Samstag, einen Tag bevor ich zu meinem zweiten Semester wieder nach London aufgebrochen bin, habe ich der vietnamesischen Pagode in Berlin noch mal einen Besuch abgesattet. Immerhin naht Tet, das vietnamesische Neujahr (Ende Februar), und ich weiß nicht, ob ich in London dazu kommen werde, die vietnamesische Pagode zu besuchen. Nicht, dass ich in Vietnam plötzlich religiös geworden wäre, aber es so eine Mischung aus Wehmut, Unternehmungslust und Stress, die mich nun seit meiner Rückkehr aus Vietnam schon zum dritten Mal in die Pagode zieht, um für einige Momente zur Ruhe zu kommen. Vielleicht ist auch eine Prise Pflichtgefühl mit dabei. Meine Tanten wäre wohl jedenfalls davon überzeugt, dass für Opa im Himmel besser gesorgt ist, wenn ich auch mal zur Pagode gehe und zu ihm bete. Oder so.

Ich machte mich also auf den Weg zur Linh Thuu Pagode, die sich aus einem ulkigen Grund in Berlin Spandau befindet, wo die Vietnamesische Gemeinde denkbar klein bis nicht existierend ist.
Als ich ankam, blieb mir der Atem weg. Die Pagode war seit meinem letzten Besuch vor drei Monaten komplett umgebaut und runum erneuert. Ich war ja daran gewöhnt, dass Bauarbeiten in Vietnam immer schnell vor sich gehen, weil es nicht so viele Richtlinien (wie etwa Arbeitszeitbeschränkungen) zu beachten gibt, aber die Geschwindigkeit, mit der selbst hier in Deutschland diese vietnamesische Pagode umgebaut wurde, ist wirklich erschlagend.
Im Folgenden in der Eintrag mit einigen Fotos von der Internetseite der Pagode, http://www.linhthuu.de/ durchsetzt.:

Da es ein kalter Wintertag war, schien die Pagode menschenleer. Ich schlenderte staunend um das Hauptgebäude herum. Die weitläufige Außenanlage war unglaublich aufwändig gestaltet. Da gab es hinter einem eindrucksvollen Tor einen Skulpturengarten, an den Wänden poetisch/religiöse Sprüche, und zwischendurch lauter kleine Bänkchen, die wohl mehr Deko waren, als dass sich darauf wirklich jemand setzen würde.

Meine Internetrecherche hat gerade ergeben, dass es den Skulpturengarten schon seit einigen Jahren gab, er war aber bei meinem letzten Besuch hinter der Baustelle verborgen.

Während ich so schlenderte lief mir ein älterer Herr über den Weg. Er machte gerade Raucherpause. Ich nickte ihm höflich zu und murmelte auf Vietnamesisch: "Hallo Onkel", was er aber nicht verstand und mich sogleich in fließendem Deutsch ansprach: "Sind sie hier alleine? Die Nonnen sind heute nicht da, die besuchen die Schwestern-Pagode in Hannover." Er zeigte mir die "Ein-Säulen-Pagode" hinter dem Haupthaus, ein Konstrukt, dass offensichtlich nach seinem Vorbild in Hanoi gebaut wurde, nur irgendwie um Längen besser, schicker, sicherer und zugänglicher.

Ich folgte dem Mann höflich und nickte zu seinen Erklärungen. Nach einer weile legte er ein nachdenkliches Gesicht auf und sagt: "...Natürlich dürfen Sie auch hier herkommen, ein Vietnamese darf ja auch in die Kirche gehen, steht ja jedem offen.. Aber leider sprechen die Nonnen eben kein Deutsch. Und heute sind sie sowieso nicht da. Aber wissen Sie was, dann führ ich Sie heute eben mal rum, damit Sie alles kennenlernen." Und schon schritt er voran, begeistert von der Idee, einer ahnungslosen Deutschen ein Stück vietnamesische Kultur nahezulegen, und ich konnte gar nicht anders, als ihm zu folgen, und die ahnungslose Deutsche zu spielen. Es schein ja offensichtlich nicht alle Tage vorzukommen, dass sich eine solche zur Pagode veirrte.
Der Herr zeigte mir die Küche, den normalen Speiseraum der Nonnen, und den besonderen Speiseraum mit Bühne für Veranstaltungen. Es gab Verwaltungsräume und Gästezimmer, um Besucher zu beherbergen, die aus anderen deutschen Städten angereist kommen, in denen es keine Pagode gibt. Er klärte mich über einige grundsätzliche Vorstellungen des Buddhismus auf, die ich zwar alle schon wusste, aber sehr interessiert benickte. Ich glaube, es hätte ihn sehr in seinem Enthusiasmus gebremst, zu erfahren, dass ich Halbvietnamesin und schon mal in einer Pagode gewesen war. Am Ende bedankte er sich für meinen Mut, ganz alleine (=ohne vietnamesische Begleitung) herzukommen und beteuerte abermals, dass die Pagode ja allen (=auch nicht-Vietnamesen) offen stünde. Er ließ mich dann am Eingang zum Gebetsraum alleine. Ich zog meine Schuhe aus und tapste die Treppen hoch, zu einem der schönsten Orte Berlins.
Das Licht schimmerte matt, und es herrschte eine majestätische Stille, nur leise untermalt von den Mönchsgesängen aus einer entfernten Ecke (von einem Abspielgerät, so eins wie meine Oma auf ihrem Altar auch stehen hat). Im Vorraum an der wand eine weitläufige Fotostrecke mit Bildern kürzlich Verstorbener. Vietnamesen aller Altersgruppen, auch einige Deutsche, wahrscheinlich Ehemännder oder Schwäger. Darunter auf langen Tischen reichlich gedeckte Gaben (Obst auf Tellern, Süßigkeiten) und etliche Räucherstäbchen. Alles war so schick und baulich qualitativ, dass es mir ein wenig suspekt schien, wo das ganze Geld für den Umbau hergekommen war.

In der Haupthalle Marmorboden. Fußbodenheizung. Übermenschengroße goldene Buddhas. Klangschalen auf hochwertig bestickten Kissen. Ich kam mir winzig vor, in dieser riesigen, dunklen Halle. Lief vor die Buddha-Front, auf den roten weichen Teppich und kniete mich hin. Roch die Räucherstäbchen. Hörte den gedämften Mönchsgesang. Sah die Lampignons vor den kleinen runden Fenstern im Wind wehen. Dachte.

Nach einiger Zeit, die ich nicht näher bestimmen kann, betrat eine Vietnamesin in meinem Alter mit ihrer deutschen Freundin die Halle. Sie zogen flüsternd zwischen den vielen Altaren und Buddhas in der Halle hin und her, die Vietnamesin erklärte ihrer Freundin das Prozedere, sie steckten Räucherstäbchen in verschiedene Gefäße, saßen, standen, hockten, beteten.


Irgendwann stand ich auf, ich fühlte mich leer, erfrischt und erholt. Ich stellte mich noch ein mal vor den größten Buddha, faltete meine Hände vorm Gesicht, senkte meinen Kopf, wippte ein bisschen vor und zurück, und verneigte mich zum Schluss drei mal ganz schwach. So hatte ich das oft gemacht, so hatte ich es oft auf dem Augenwinkel von meiner Tante abgeschaut, am Altar im Haus meiner Oma.
Ich ging und ließ die schönste Pagode hinter mir, in der ich je gewesen war. Schöner als alle in Vietnam. Stiller, besinnlicher.

19.1.13 00:12

bisher 11 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Ute (19.1.13 13:24)
Freut mich, wieder von Dir zu lesen.
In Berlin-Hohenschönhausen gibt es eine zweite Pagode. Dahin hast Du es nicht so weit. Allerdings ist die viel, viel kleiner und auch nicht so prunkvoll.
Auch Berliner Vietnamesen schlafen und kochen gelegentlich an den Wochenenden in der Pagode, um einmal zur Ruhe zu kommen und viel Zeit zum Beten zu haben.
Ute


Diethard Müller (9.1.14 12:18)
Sehr geehrte Damen und Herren.

Ist die Pagode auch mit einer Gruppe zu besichtigen?
Ich wäre Ihnen dakbar, wenn Sie mir nähere Auskünfte geben würden.

Mit freundlichen Grüssen

Diethard Müller


Laura (10.1.14 17:14)
Die Pagode steht offen, es gibt keine Einlasskontrolle oder ähnliches, man kann (auch mit einer Gruppe) so wie in eine Kirche einfach reinlaufen, solange die Gruppe sich dabei ruhig und respektvoll verhalten kann.


Klaus Schmitt (24.4.14 09:23)
Sehr geehrte Damem und Herren,
eine Besichtigung mit einer Gruppe ist möglich. Gibt es auch die Möglichkeit, eine sachkundige Führung zu bekommen?
Gruß
Klaus Schmitt


Siegelberg (29.8.15 23:28)
Vielen Dank für den wunderschönen Abend den ihr uns bereitet habt, am heutigen Tag 29.08.2015. Vielen Dank für den Einblick in euere Denk- und Sichtweise. Ihr seid tolle Nachbarn, wir sind stolz auf euch.

Viele Grüße

Familie Siegelberg


Ashli (31.3.18 19:47)
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Manie (19.6.18 04:12)
Facultativo Carnal formada através da Comunna Imutação.


Letha (22.7.18 06:09)
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Parabéns de falar sobre este tema tuas ideias.


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Hai (7.8.18 09:46)
Disposição promete suprimir 7 quilos sobre 7 dias.


Ashton (12.8.18 18:28)
A artrose é qualquer doença das articulações.

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