Aberglauben

Meine Gastfamilie sitzt beim Abendessen auf der Bambusmatte auf dem Boden. Die Tür zur Straße hin ist wie immer offen. Da fährt ein Beerdigungswagen vorbei. Das ist immer ein mit Blumenkränzen geschmücktes Fahrzeug mit einem Dutzen Insassen mit weißen Stirnbändern. Weiß ist in Asien, genau wie in Afrika, die Farbe der Trauer. (Ich hab schon Theorien gelesen, dass das etwas mit Rassismuss zu tun haben kann, da ja im weißhäutigen Europa schwarz die Farbe der Trauer ist...).
Warum der Wagen sich ausgerechnet unsere enge Straße langquetscht, die offiziell für Autos sogar veboten ist, weiß ich nicht. Die müssen bestimmt laut irgendeinem Aberglauben eine bestimmte Route abfahren.
Die 2-jährige Châu steht interessiert auf und läuft zur Tür, um zu schauen, was da für ein Tumult auf der Straße ist. Sofort wird sie ängstlich, fast sogar panisch, von den Mitgliedern meiner Gastfamilie zurückgewunken. "Châu, komm sofort wieder rein!" Zu allem Übel bleibt dann der Wagen auch noch genau vor unserem Haus stehen, irgendein Mitfahrer steigt aus. Da steht nun da Baby der Familie nur etwa einen Meter entfernt vom Bestattungsfahrzeug, bei laufendem Motor. Ein schlimmeres Omen könnte es eigentlich gar nicht geben. Jetzt kann man laut vietnamesischem Aberglauben eigentlich nur noch beten, dass demnächst in dieser Familie kein Todesfall auftreten wird. Oder man sieht es pragmatisch: "Los, Thuân! Wirf schnell ein bisschen Geld auf die Straße" befiehlt meine Gastmutter. Thuân schnappt sich einen 500 Dong Schein (etwas mehr als 1 cent, der einzige Grund weshalb diese Scheine gedruckt werden, ist für Opfergaben an die Geister und Ahnen) und wirft ihn unter die Räder der Motorräder, die nun vorbeiziehen, nachdem sich der Wagen wieder in Bewegung gesetzt hat.
Hoffentlich hat das die Geister besänftigt.

24.6.12 04:35

bisher 2 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Ich (24.6.12 12:45)
War das echtes Geld oder sog. Höllengeld? Ich würde jedenfalls nicht echts Geld auf die Straße werfen


Laura (25.6.12 03:16)
Das war echtes Geld. 500 Dong Scheine werden bei jedem Pagoden- und Tempelbesuch in Massen auf die einzelnen Gebetstische verteilt.

Deutsche werfen ja auch Geld in "Glücksbrunnen".

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