Gastfamilien-Update

In meiner Gastfamilie gibt es seit meinem ersten Eintrag über sie unglaublich viele Veränderungen. Das Leben in diesem Haus ist und bleibt sehr spannend!

Das erste was passiert ist, ist dass Thuan (eine meiner gleichaltrigen Gastschwestern) wegblieb. Sie war, wie alle aus dem Haus es regelmäßig tun, über ein Wochenende in ihr Heimatdorf zurückgekehrt und danach einfach wochenlang nich mehr wiedergekommen. Ich hab dann erfahren, dass sie vor zwei Monaten mit ihrer Ausbildung fertig geworden ist. Was sie besucht hat, war keine richtige Uni, mehr so etwas wie eine zweijährige Hochschule für alle, die es nicht auf eine richtige Uni schaffen. Jetzt ist sie fertig, wirklich Spaß hat ihr das Lernen nicht gemacht (sie hat Buchhaltung gelernt, weil ihr nichts besseres einfiel) und jetzt überlegt sie, wie es mit ihrem Leben weitergeht. Sie kündigte also ihren Studentenjob in einem Schuhladen und ging für einige Wochen in ihr Heimatdorf, um den Eltern bei der Reisernte zu helfen. Wann und ob sie zurück nach Hanoi kommen würde, konnte keiner wissen. Doch eines Tages stand Thuan wieder auf der Matte in unserem winzigen Wohnzimmer, und nach der allseits freudigen Begrüßung fragte Hoan, die "Mutter" des Hauses, sie mit strengem Ton: "Was hast du jetzt vor?" Thuans Lächeln wich, sie druckste sich und sagte schüchtern: "Ich will irgendwie irgendwo nach Arbeit suchen... Mein Papa meinte, ich kann ja zur Not auch in einer Fabrik anfangen." (Während in Fabriken in Deutschland ja oft ausgebildete Ingenieure arbeiten, sind "Fabriken" in Vietnam ja eher "Sweatshops" wo Kleidung von unausgebildeten Arbeitern gefertigt wird...). Hoan hob daraufhin ihre Stimme: "Mädchen, du wirst nicht dein Leben ruinieren und in einer Fabrik arbeiten. Dann kennst du für den Rest deiner Tage nur noch schuften. Du sollst was lernen, was dir was bringt, zur Not leihe ich dir Geld für die Ausbildung!". Die Tage darauf haben wir alle mitgebfiebert, welche Entscheidung Thuan treffen würde. Für mich war das Nachdenken darüber besonders spannend, weil Thuan eben genauso alt wie ich ich, und jetzt schon an solch einer Schwelle im Leben steht. Schließlich beschloss Thuan einen ganz anderen Weg zu gehen und besucht jetzt zwei Mal die Woche eine Kochschule, wo sie lernt, verschiedene Che-Sorten zu kochen. Anschließend will sie mit ihrer besten Freundin, der Frisöse von nebenan, einen Che-Stand eröffnen. Solange arbeitet sie nebenbei erst mal in der Küche eines Kindergartens.

Nachdem Thuan für einige Wochen weg war, verließ als zweites Thom unser Haus. Thom ist die blinde Frau, mit der ich mir das Zimmer geteilt hatte. Ich erfuhr nach und nach, dass genau meine Ankunft der Grund für ihr Gehen war. Sie hatte einige Monate lang Massagen in dem Zimmer angeboten, doch die Kundschaft war mangelhaft und deswegen beschloss die Familie, das Zimmer stattdessen zu vermieten. Als ich dann also kam, musste sich Thom einen anderen Arbeitsort suchen. Sie fand ein Massage Center, in dem andere blinde Menschen arbeiten. Allerdings sind die Hauptarbeitszeiten spätabends und nach Arbeitsschluss gibt es keinen mehr aus unserer Familie, der sie abholen kommen könnte, weshalb sie sich ein Motorradtaxi nehmen müsste, was allerdings ihren Tageslohn fast wieder zerstören würde. Deswegen hat sie sich für die rentablere Version entschieden, nämlich an ihremm Arbeitsort zu schlafen. Das ist zwar echt doof, lässt sich aber zur Zeit nicht anders lösen. Jeden Sonntag, wenn wir Chorprobe haben, nehme ich Thom anschließend auf meinem Fahrrad mit nach Hause, und wenn sie Montagfrüh keine Kunden hat, kann sie wenigestens einen halben Tag in der Woche zu Hause verbringen.

Nach dem zwei Familienmitglieder weggegangen waren, haben wir vor einigen Wochen auch einen Zuwachs bekommen. Hieu, der Bruder von Hoan, der bisher noch bei seinen Eltern gewohnt hat (er ist 24), hatte sich ein bisschen mit den Eltern verkracht (was in Vietnam eine ziemliche Schande ist, als ich nach dem Grund für Hieu's Einzug gefragt habe, wurde in den Flüsterton gewechselt). Deshalb hat seine Schwester als Streitschlichterin angeboten, dass er zu uns in Haus kommen kann. Er schläft nun oben mit Ngoc und Thuan (seit sie wieder da ist) auf dem Boden, und ich habe den Mädels tausendmal gesagt, dass sie zur mir runterkommen können, ich habe ja ein freies Bett seit Thom weg ist, aber haben mir stets bestätigt, dass es kein Problem ist, für sie zu dritt in dem Zimmer zu schlafen, was halb so groß wie meins ist. Dass Jungen und Mädchen in einem Zimmer schlafen, ist nur gestattet, wenn sie verwandt sind, ich dürfte also höchstwahrscheinlich nicht mit Hieu in einem Zimmer schlafen.

Das Leben hier ist also immer voller unerwarteter Wendungen. Manchmal sind wir zu zweit bei den Mahlzeiten, manchmal zu siebent, aber es ist trotzdem einfach immer jemand zu Hause, und unsere Tür ist immer offen, denn Zeitungen verkaufen wir immer noch.

Ich verstehe mich mit allen nach wie vor gut. Sie kümmern sich alle sehr lieb um mich, und sind dabei nicht so gezwungen beschützerisch, wie meine Verwandten das tun. Dung (der Mann von Hoan) hat zum Beispiel gefragt, ob ich mich über ein Haustier freuen würde, weil ich Tiere ja so liebe. Und Hoan bringt mir jedes Mal einen großen Strauß Blumen auf mein Zimmer, wenn ich krank bin (was ich ja ziemlich oft bin).

Allerdings haben alle im Haus auch einen für sie sehr amüsanten Spaß entdeckt: Mich veräppeln. Da mir ja vieles in dieser Kultur noch fremd ist und mir aufgrund der Sprache noch einiges Wissen vorenthalten bleibt, bin ich sehr leichtgläubig, wenn mir jemand in vertrauenswürdigem Ton etwas erklärt. Zum Beispiel, dass das da gar keine Pilzsorte ist, sondern eine spezielle Fleischart. ("Laura, weißt du, was du gerade gegessen hast? Schweinemagen!"). Oder dass Hoan aus einer ethnischen Minderheit stammt (davon gibt es ja mehr als 50 in Vietnam) und erst seit 5 Jahren Vietnamesisch spricht. Oder dass Hieu in Wirklichkeit jünger ist als ich und ich ihn die ganze Zeit fälschlicherweise "großer Bruder" genannt habe. Es wurden mir auch schon irgendwelche Feiertage erfunden ("Heute ist der Tag, an dem jeder Mensch Essen auf die Straße werfen muss, um es den Göttern zu opfern"), und erzählt, dass man in Vietnam geröstete Spinnen isst (Kann es sein, dass das gar nicht so ungelogen ist?).
Naja, eigentlich amüstiert mich das Ganze genauso wie die anderen, deswegen mache ich jeden Spaß gerne mit. Vor allem Ngocs schallendes Gelächter hebt die Stimmung bei allen

10.6.12 07:48

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