Das Vietnam meiner Erinnerung

Meine Erinnerungen an Vietnam aus meiner Kindheit haben so gut wie nichts mit dem Vietnam zu tun, was ich hier täglich erlebe. Meine letzte Vietnamreise habe ich mit acht Jahren unternommen, wir waren damals fast ausschließlich in Dong Ngac, dem Dorf/Vorort, in dem meine Verwandtschaft wohnt. Meine Erinnerung von damals bestand aus schwüler Luft, Schweiß auf der Haut vermischt mit Staub und Dreck, der Geruch nach verbranntem Holz und Räucherstäbchen, Fahrtwind auf dem Motorrad ohne Helm, feuchter Lehmboden, Gemüsefelder und Wasserbüffel, von unbekannten Leuten irgendwohin mitgenommen zu werden, ein Abenteuer, nasse Füße in Plastiklatschen, Jugendliche die Zuckerrohr essend die Straße langlaufen.
Vieles hiervon gibt es nun in Dong Ngac nicht mehr, oder es wird überschattet, nämlich von dem neuen Vietnam, der Entwicklung. Das Vietnam, das ich jetzt erlebe besteht aus Luftverschmuzung, Motorrädern und Hupen, Schlamm auf Asphalt, Verkehrschaos, Plastikmüll im Wasser, Tiere, die auf der Straße geschlachtet werden, Bauarbeitern, Brautpaaren, die zwischen all dem Dreck ihre Hochzeitsfotos schießen, Verkäufern, die mir auf Englisch hinterherrufen, und Jugendlichen, die auf ihren Handys telefonierend die Straße lang laufen.

Wo ist das Vietnam von damals hin? Habe ich mich of gefragt. Aber es gibt es noch, wenn man den Großraum Hanoi verlässt und aufs Land fährt. Hier erlebe ich das Leben Leben noch als unbeschwertes Abenteuer und nicht als anstrengende Herausforderung.
Vor einigen Wochen hat mich meine Gastmutter/-schwester mit auf ihr Heimatdorf in der Provinz Bac Giang genommen und ich habe dort eine wunderschöne zeit verbracht. Hier schlafen drei Leute zusammen in einem Bett. Ein Badezimmer gibt es im Haus nicht. Wer muss, geht hinters Haus, wo die Enten im Teich schwimmen. Für Zähneputzen und ähnliches schöpft man sich Wasser auf einem großen Bottich im Hof. Für's Haarewaschen geht man bei der Nachbarin ins Frisörgeschäft. Ständig fährt man mit dem Motorrad zwischen den Häusern der Oma mütterlicherseits und väterlicherseits hin und her. Dabei trägt man den ganzen Tag Plastikschlappen, denn die sind abwaschbar. Schuhe würden sich auf den nassen, lehmigen Straßen nur vollsaugen.
Dann werde ich wieder von irgendwem, der mir erst vor zwei Minuten vorgestellt wurde, irgendwo hin mitgenommen. Einen Plan gibt es nicht, man fährt dahin, wo die Menschen sind. Jetzt bin ich im Haus eines Schwippschagers. Er lächelt mich an, und ich frage ihn, ob er einen Wasserbüffel hat, ich habe nämlich noch nie einen streicheln können. Kurz darauf schlängeln wir uns den Weg zwischen Palmen und Tümpeln hindurch zum Wasserbüffel. Er steht an einen Stein angebunden auf dem Feld,grast ganz gemütlich und ich streichel ihn. Ein schönes Tier. Dann gehe ich mit dem Mann zurück zum Haus. Ich nenne ihn "Chú" (jüngerer Onkel väterlicherseits), auch wenn ich wenige Minuten später herausfinde, dass er älter als mein Vater ist. Man kann ja mal falsch liegen. Der Onkel stellt mir nicht tausend Fragen über meine Familiensituation und mein Privatleben, wie die Menschen in Hanoi das tun. Er hört mir einfach nur lächelnd zu, wie ich erzähle, dass es in Deutschland keine Wasserbüffel gibt. Er macht einen kleinen Umweg, will mir noch ein bisschen was vom Dorf zeigen. Die Nachbarn vor den umliegenden Häusern fragen wer ich bin, und der Onkel erklärt schlicht: "Eine Freundin von Ngoc (meiner Gastschwester) aus Deutschland." Das wars. Ein interessiertes Nicken. Kein Reißerisches Oooh und Aah, niemand der mir "Hellooooo" hinterher ruft. Dabei hätte ich gedacht, dass man als Ausländerin gerade auf dem Lande die reinste Sensation ist. Jedoch gehen die Leute hier tatsächlich mit mir natürlicher um, als in der Hauptstadt.
Zurück im Haus schenkt mir der Onkel grünen Tee ein. Eine Tasse gibt es nicht, eine aufgeschnittene Cola-Dose hält her. Ich sage, dass ich mich freue, hier zu sein, und er erwidert, in dem banalsten Tonfall: "Wir sind sehr arm." Es ist kein mitleidiges Klagen, einfach nur eine Feststellung, er hätte auch sagen können "Heute scheint die Sonne." Ich nicke schüchtern, was soll ich denn sagen? Ich weiß nicht, ob er eine Bestätigung haben will, aber ein Leugnen wäre auch falsch, und so etwas wie "Das ist doch nicht schlimm" wäre ziemlich bescheuert. Da ich nichts sage, fährt der Onkel fort: "Hier in Vietnam haben es die Leute nicht so gut wie in Europa. Wir wurden lange beherrscht, von den Franzosen und den Amerikanern. Und dann haben sie dieses Gift ausgeprüht. Dann werden die Menschen behindert, so wie die Kinder, die du unterrichtest."

Ngoc kommt vom Markt zurück, sie hat zehn Plastiktüten mit verschiedenen Inhalten, und beginnt Essen zu kochen. In der "Küche", einem kleinen Schuppen ohne Wassser und Strom, hockt sie auf dem Boden und schiebt ein paar Stücke Palmenholz ins Feuer, um Reis zu kochen. Ich hocke mich daneben und schäle Erdnüsse, Dreckreste bleiben dabei an meinen Händen, denn die Nüsse kommen anscheinend wirklich frisch aus der Erde. Ngocs Brüder kommen von irgendwoher mit dem Motorrad angedüst. Einer von ihnen nimmt ein Messer und schlägt eine Stange Zuckerrohr vom Feld ab. Dann hocken sie sich in ihren Plastiklatschen auf den Boden und essen Zuckerrohr. Das Leben ist schön, denke ich mir, und ich bin dankbar für diesen Moment.

Dann habe ich das große Glück, dass just an diesem Tag ein Dorffest veranstaltet wird, was nur alle zwei Jahre stattfindet. Ein musizierender Umzug mit verkleideten Menschen und etlichen Gabenträgern, vorneweg ein Bild von Ho Chi Minh, zieht zwischen den Reisfeldern das Dorf entlang. Ich habe ein paar tolle Fotos schießen können, möchte hier aber abermals darauf hinweisen, dass dies trotz aller Stereotypen nicht das Alltagsbild Vietnams ausmacht! Das Straßenbild Asiens ist nun mal von Motorrädern geprägt, nicht von Drachenumzügen.
Irgendein Mädchen aus der Großfamilie nimmt mich an der Hand und wir beide folgen dem Umzug, auf den Berg zur Pagode. "Große Schwester, große Schwester", ruft sie, "gibt es so etwas in deinem Land auch?" Ich verneine und stelle eine Gegenfrage: "Hat kleines Geschwisterchen außer mir schon mal einen Ausländer getroffen?" "Noch nie, große Schwester, noch nie!" grinst sie.
Was für ein schöner Tag, denke ich mir, und atme tief die schwüle Luft ein, die nach verbranntem Holz und Räucherstäbchen riecht. Mein Gesicht ist voll von Schweiß und Dreck, meine Füße in den Plastiklatschen nass und schlammig.
Könnte ich gerade glücklicher sein?


Photobucket

Photobucket

Photobucket
Ein Bett, ein Tisch, auf der anderen Seite des Raumes steht noch ein Fernseher. Im zweiten Stock schlafen die Kinder. Mehr gibt es in dem Haus nicht.

Photobucket
Bis ins letzte Dorf hängt der Staat seine Propagandaplakate auf. "Die kommunistische Partei Vietnams auf ewig!"

Photobucket

Photobucket

Photobucket

Photobucket
In der Pagode angekommen.

Photobucket

14.5.12 06:59

bisher 7 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Jost aus Soest / Website (14.5.12 09:14)
Herrlich, es gibt sie noch, die ursprünglichen Orte aus meinen Erinnerungen...

Vielen lieben Dank für diese Impressionen! )


Jost aus Soest (14.5.12 09:15)
Der Smiley sollte eigentlich so aussehen:


Eli (14.5.12 09:27)
Wir leben nun schon drei Jahre in Hanoi. Und da wir uns nicht wie die Touris und wie die meisten Expats in Tay Ho bewegen, dachte ich eigentlich, dass wir das Leben in Vietnam ganz gut kennen.
Aber , das was du beschreibst und wie du es beschreibst- das geht schon ans Gemüt!
Danke dafür und schreibe so weiter!
LG
Eli


Anh-JLG (16.5.12 15:14)
Wieder eine bewegende Geschichte.
Es ist so schön zu lesen, dass du Spaß am Leben (in Vietnam) hast.


Heike (18.5.12 08:43)
...und wieder sooooooo schön be- ge-schrieben!


antje / Website (23.5.12 19:53)
da wird einem richtig warm ums herz, so schön und eindrucksvoll hast du es beschrieben! vielen dank dafür und liebe grüße


Kevin Duong (13.8.13 21:59)
Hallo Laura XD !

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)

Die Datenschuterklärung und die AGB habe ich gelesen, verstanden und akzeptiere sie. (Pflicht Angabe)


 Smileys einfügen
Werbung