Gastfamilie #3

Nun ist es endlich mal Zeit über meine neue Gastfamilie zu berichten. Diese Familie war wirklich ein absoluter Glückstreffer. Als im Dezember klar war, dass ich mir eine neue Unterkunft suchen musste, haben meine Freunde aus dem Massage Center an der Blindenschule die Suche für mich praktisch in die Hand genommen. Sie haben rumtelefoniert, Leute gefragt, sogar um Geld verhandelt. Es stellte sich dann heraus, dass die Familie von Thom, einem Mädchen aus dem Blindenchor, in ihrem Haus ein Zimmer zu vermieten hat. Mit Thom war ich sowieso schon befreundet, das Haus ist nah an der Blindenschule, der Deal war perfekt. An einem Sonntag nach der Chorprobe kam Thom mit mir in meine alte Gastfamilie, wir riefen uns ein Taxi und ich verfrachtete mein Hab und Gut zu ihr nach Hause. Thom wohnt zusammen mit ihren zwei Geschwistern, Thuan (weiblich, so alt wie ich) und Dung (männlich, 29). Dung ist schon verheiratet und hat eine 2-jährige Tochter. Diese lebt allerdings auf Verlangen der Großeltern bis zu ihrer Einschulung im Heimatdorf der Eltern und geht dort in den Kindergarten. Erst wenn sie in die Schule kommt, soll sie dauerhaft zu den Eltern nach Hanoi ziehen. Dungs Frau Hoan ist so sozusagen die Familienmanagerin. Wenn ich abends später als um 10 nach Hause komme, oder Gäste mitbringen will, sollte ich sie um Erlaubnis fragen. Ich empfinde Hoan deshalb wie eine Gastmutter, auch wenn sie nur einige Jahre älter ist als ich. Weiterhin lebt in der Familie Ngoc, eine entfernte Tante von Hoan, die allerdings durch einige verquere Verwandtschaftsbeziehungen nur so alt ist wie ich.
Obwohl im Haus also alle zwischen 20 und 30 sind, geht es hier keinesfalls drunter und drüber. Es gibt klare Regeln, wer wann kocht und abwäscht, man wartet aufeinander mit dem Essen und es ist klar, wer in welchen Dingen das Sagen hat. Wir verstehen uns alle super und es ist sehr entspannt, dass aus meiner Sicht keine Elterngeneration im Haus lebt. Besonders klasse sind meine zwei gleichaltrigen Gastschwestern Ngoc und Thuan, mit denen ich viel rumalbern kann. Sie gehen beide zur einer Art Vor-Uni (college) und nebenbei arbeiten.

Photobucket
Ngoc und Thuan in ihrem Zimmer. (Sie schlafen auf dem Boden)

Das mit dem Gleichaltrigsein bringt allerdings nicht nur Vorteile sondern stellt mich auch vor ganz neue sprachliche und etikettäre Herausforderung. Jetzt kann ich nicht mehr auf mein altbewärtes "große Schwester"/"kleine Schwester" bei der Kommunikation bauen, sondern bekomme beigebracht, dass es nun drei Sets an Personalpronomen für die erste und zweite Person gibt, die ich für Gleichaltrige benutzen kann, alle natürlich unterschiedlich höflich/vertraut. Am besten aber sei es, wenn ich statt Personalpronomen einfach meinen Vornamen benutzen würde, also rede ich mittlerweile von mir selbt ständig in der dritten Person Dann stelle ich mir so Fragen wie, Soll ich die Reisschüssel nun mit einer oder mit beiden Händen übergeben? (Schon Babies bekommen in Vietnam beigebracht, dass sie Gegenstände an Ältere stets mit beiden Händen übergeben sollen), wie soll ich mich verhalten, wenn Ngoc und Thuan nach jeder Mahlzeit den Abwasch an sich krallen und mit partout nicht helfen lassen wollen? (in der Küche ist auch gar nicht genug Platz für drei Leute). Heute wurde ich von Ngoc übrigens ausgelacht, weil ich ihr auf eine Frage mit "Vâng" ("Ja") geantwortet habe: "Laura, wir sind doch gleichalt, du musst mir gegenüber nicht mit "Ja" antworten, es reicht wenn du "U" sagst!"

Das ganze Haus ist enorm schmal. In Vietnam werden Steuern nach der Breite des Hauses gezahlt, das heißt, wer reich ist hat kein großes sondern ein breites Haus. Unser Haus ist wirklich nicht viel breiter als meine Armspanne. Die Wendeltreppe ist deshalb enorm steil, so dass ich sie meist seitlich hochsteigen muss Deswegen gibt es auch auf jeder Etage nur ein Zimmer. Ganz unten ist das Wohnzimmer, dessen Tür zur Straße hin immer offen steht. Es dient gleichzeitig als Ladenverkaufsfläche für Zeitungen und Bücher (das "Familiengeschäft" sozusagen), als Esszimmer (gegessen wird auf einer Bambusmatte auf dem Boden) und nachts als Garage für die zwei Motorräder (tagsüber stehen die vor der Tür, es gibt einfach nirgendwo Platz).

Photobucket
Wir saßen hier auch schon mal zu zehnt, als Besuch da war.

Da mein Fahrrad nicht auch noch ins Wohnzimmer passt, wird das nachtsüber in die Küche gestellt, welche sich sozusagen im Keller befindet. (Keller gibt's in Vietnam eigentlich gar nicht, aber neben unserem Haus geht eine Seitengasse steil bergab, so dass sich an der Seite des Hauses der Eingang zur tiefer gelegenen Küche gefindet.

Photobucket

Photobucket

Unser Haus ist immer offen, und es ist völlig normal, dass Schulmädchen in unserm Wohnzimmer rumschlendern um sich die Comicbücher anzugucken. Auch bekommen wir ständig Besuch (natürlich unangemeldet) von diversen Verwandten und Bekannten. Die kommen auch zu den Mahlzeiten einfach reingestiegen (über die vor der Tür parkenden Motorräder), setzen sich auf einen Plastikstuhl und schauen fern. Das nennt sich auf Vietnamesisch dann ngôi choi (zum spielen hinsetzen).

Photobucket
Unser Wohnzimmer. Drinnen sitzt Ngoc, verkauft Zeitungen und macht Hausaufgaben.

Über dem Wohnzimmer sind noch drei Etagen, je mit einem Schlafzimmer. In dem obersten wohnen meine zwei gleichaltrigen Gastschwestern Thuan und Ngoc, in dem zweiten das Ehepaar Dung und Hoan, und das dritte Schlafzimmer sollte ich ursprünglich für mich alleine haben, denn als die Familie beschlossen hat, das Zimmer zu vermieten, sollte meine blinde Gastschwester von da an oben mit den beiden Mädels schlafen. Aber in der ersten Nacht stellte sich heraus, dass es keine Extra-Decke für mich gab, und dann meinte Thom eben: "Dann schlaf ich einfach bei dir, meine Decke ich breit genug für zwei". Und seitdem haben wir das so belassen.
Die einzigen Möbel in dem Zimmer sind übrigens drei ausrangiere Massagebetten, denn Thom hat hier früher mit Massagen ihr Geld verdient, jetzt arbeitet sie in einem Massage-Center. Auf dem einen Massage-Bett schlafe ich, auf dem anderen Thom, und das dritte dient als Stauraum für all mein Hab und Gut.

Photobucket Als europäisches Mädchen ist es ja ziemlich normal, dass man ganz viele Sachen sein eigen nennt: Bücher, CDs, Accessoires, Dekozeugs, Schminke etc etc. In Vietnam wird das meiste geteilt oder geborgt. Demenstsprechend habe ich vor allem in den ersten Tagen nach meinem Einzug hier viel in Frage gestellt: Warum brauche ich eigentlich mehr als zwei Pullover? Und wozu eigentlich das große Badetuch, ich kann mich nach dem Duschen doch auch mit einem kleinen Handtuch abtrocknen wie die anderen oder? Brauche ich wirklich so viel Zeug im Bad? Reicht es nicht, wenn ich meine Zahnbürste da habe, und mir den Kamm und die Zahnpasta mit allen anderen teile? Nein, die Zahnseide muss schon sein, und der Zahnbecher auch.

Photobucket
Rechts all mein Zeugs im Bad, links das von allen anderen zusammen.

In den ersten Stunden und Tagen ist mir immer wieder unangenehm aufgefallen, wie viel Zeugs ich doch besitze, vor allem im Vergleich zum Rest der Familienmitglieder. Meine neue Gastfamilie ist nämlich wirklich alles andere als reich, sie leben ein sehr sehr einfaches Leben, und ich habe seit ich hier bin, schon viel dazugelernt in puncto Bescheidenheit und "mit wenig auskommen". Da es keinen Schrank gibt, lebe ich im wahrsten Sinne des Wortes "aus dem Koffer heraus" (was total praktisch sein kann, wie ich festgestellt habe), Kleidung wasche ich jetzt per Hand, und das winzige Bad teile ich mir mit drei Leuten. Die Dusche finde ich besonders amüsant, sie besteht nur aus einem Schlauch an der Wand, das Wasser überflutet dann den Boden des gesamten Raumes, bis es in einem Loch hinter der Toilette abfließt.

Spannend ist es auch, sich das Zimmer mit einer Blinden zu teilen. Ich weiß zum Beispiel nie, ob Thom schon im Raum ist, oder nicht, weil das Licht so oder so aus ist. Dafür kann ich, auch wenn Thom schon schläft, noch lange wach bleiben und lesen, ohne dass es sie stört.

Als Letztes will ich noch kurz über das Zeitungsverkaufen reden. Wie in Vietnam so oft üblich, verkauft meine Gastfamilie direkt aus dem Wohnzimmer heraus. Deswegen muss praktisch immer jemand unten sitzen und aufpassen. Deswegen wird unsere Haustür auch nut nachts verschlossen und es hat auch niemand der Familienmitglieder einen Schlüssel. Es gibt beim Zeitungsverkaufen keine wirklich festen "Schichten", wer halt gerade da ist, verkauft. Wenn die anderen gerade in der Küche oder im Bad sind, habe ich auch schon die ein oder andere Zeitung verkauft. Man hat so allerdings nie Privatsphäre, selbst während der Mahlzeiten bedienen wir Kundschaft. Aber nach einiger Zeit findet man Gefallen an so etwas. Man ist eben Teil der Nachbarschaft.

15.4.12 09:49

bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


heike / Website (17.4.12 14:20)
Hallo Laura,

das hast du wieder so anschaulich ge- / beschrieben, beim Lesen bin ich direkt mit eingezogen....
LG
Heike

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)

Die Datenschuterklärung und die AGB habe ich gelesen, verstanden und akzeptiere sie. (Pflicht Angabe)


 Smileys einfügen
Werbung