Das Gefuehl, wieder in Hanoi zu sein.

2 Wochen Hanoi. Eine Stadt, in der man ein Jahr gelebt hat, in nur einer solch kurzen Zeit noch ein mal zu besuchen ist genauso stressig und geladen, wie es vermuten laesst: Als ob man ein ganzes Jahr in 2 Wochen quetschen wuerde.
Es waren viele Dinge anders: Einige Babies waren neugeboren, Kleinkinder waren groesser geworden und hatten sprechen gelernt, einige Freunde und Verwandte haben anfgefangen zu studieren/aufgehoert zu studieren/eine neue Arbeit begonnen/ihre Arbeit verloren/ihre Arbeit gewechselt in der kurzen Zeit in der ich da war, Familien mit denen ich befreundet war sind umgezogen, aufs Dorf zurueckgekehrt, haben geheiratet, jemand ist verstorben (siehe zwei Eintraege weiter unten). Die Umschlagrate des Lebens ist irgendwie einfach hoeher in Vietnam.
Trotz all diesem Hin und Her, der Veraenderung und Fluktuation, ist das Gefuehl das Gleiche geblieben. Es kam sofort wieder, als ich mich am ersten Tag nach meiner Ankunft aufs Motorrad gesetzt habe. Vier Wochen war ich davor schon in Vietnam gewesen, habe meinen Magen an das Essen, meine Zunge an die Sprache, und meine Haut an das Klima gewoehnt, aber mein Herz wollte sich sich noch nicht so recht gewoehnen. Ich nahm zwar die ganze Zeit wahr, dass ich in Vietnam war, aber so richtig freuen, so richtig heimisch fuehlen konnte ich mich nicht. An meinem ersten Morgen in Hanoi jedoch, nachdem ich von meiner Tante selbstbewusst eingefordert hatte, mir ein Motorrad zu leihen (und dabei sehen konnte, wie sie innerlich schrie "Du bist doch Auslaenderin, du kennst dich doch hier gar nicht aus, das ist alles viel zu gefaehrlich fuer dich, du bist doch noch ein Baby!", sich dann aber meiner Fahrkuenste von letztem Jahr besonn und einfach zustimmte), musste ich mir einfach nur den Namen einer Strasse ins Gedaechtnis rufen, und dann ging es los. Ich fuhr, ohne nachzufragen, wie man das Motorrad bedient, ohne auf die Karte zu schauen, ich fuhr los, und dachte, dass es kein Gefuehl auf der Welt geben koennte, was sich natuerlicher anfuehlten wuerde.
Ich traf viele Leute in diesen zwei Wochen, einige neue, die gerade in Hanoi urlaubten, und viele, viele alte Bekanntschafen. Freunde. Freunde, mit denen ich letztes Jahr sehr eng befreundet gewesen war, mit denen ich dann aber das jahr ueber kaum Kontakt gehalten habe. Das war nun nicht wichtig. Ich war wieder da, und unsere Freundschaft war beim alten. Ich erinnere mich, wie ich vor vielen Jahren mal eine deutsch-vietnamesische Schulfreundin in Berlin besucht habe, und aus Interesse gefragt hatte, ob denn ihre Mutter noch Freundschaften in Vietnam haelt nachdem sie ausgewandert war. Meine Freundin antwortete: "Meine Mutter hat noch zwei Freundinnen aus Grundschulzeiten, wenn sie in Deutschland ist, ruft sie die fast nie an, aber wenn sie nach Vietnam zurueckkehrt, und sei es nur ein Mal alle fuenf Jahre, benehmen die sich wieder wie beste Freundinnen."
Vielleicht hat das Leben in Vietnam eine hoehere Umschlagrate, aber Gefuehle tun es nicht. Es war nicht wichtig, dass ich meine blinde Gastschwester nur ein einziges Mal im vergangenen Jahr angerufen habe. Ich hatte das Gefuehl, dass es in meinem Leben in London nichts gab, was sie regelmaessig interessiert haette. Was haette ich denn erzaehlen sollen? Dass ich gerade eine Hausarbeit ueber Indigenenrechte schreibe?
Das ist jetzt egal, denn als ich wieder da war, zaehlte nur der Moment. Und ich und meine Gastschwester redeten, wir redeten ueber alles und nichts, ueber Freunde treffen heute Abend und Fruehstueck morgen frueh. Und manchmal redeten wir auch einfach gar nicht, sondern lagen nur einfach auf dem Bett, auf dem wir letztes Jahr immer geschlafen hatten, lagen unter dem Surren des Ventilators und hoerten dem Markttreiben auf der Strasse zu. Das ist das Gefuehl, wieder in Hanoi zu sein.

6.9.13 16:38

bisher 2 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Ute (9.9.13 15:42)
Sehr schoen geschrieben. Da kann man richtig mitfuehlen.


philipp / Website (19.11.13 13:41)
Liebe Laura,
deinen Vietnam-Blog finde ich wirklich gut. Er hat sich wie von selbst gelesen und echt Spaß gemacht. Auf Ausland.org sammeln wir gute Erfahrungsberichte von Freiwilligen, dürfen wir deinen Bericht „Abschiede und neue Begegnungen“ auch veröffentlichen?
http://www.ausland.org/de/erfahrung/berichte.html

Ich hoffe, das ist in Ordnung für dich, melde dich doch bitte und gib uns Bescheid, ob du einverstanden bist. Wenn du möchtest, verlinke ich auch gerne deinen Blog bei uns

Liebe Grüße
Philipp

P.S. falls meine Kontaktdaten nicht angezeigt werden, hier meine Email: philipp.otto@volunation.de

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