Totenbesuche

Noch vor ein paar Tagen bin ich die De La Thanh Strasse, ein Nadeloehr im Hanoier Hauptverkehrsweg langgefahren und betete instaendig, dass in der Zeit, in der ich hier sein werde, moeglichst wenig Menschen sterben wuerden. Eine Totenfeier war naemlich der Grund fuer Stau auf der De La Thanh. Wenn in Vietnam ein Mensch stirbt, wird in dessen Haus von der Verwandtschaft in Windeseile ein blaues Festzelt zur Strasse hin errichtet, ungeachtet dessen, ob die Strasse ohnehin schon ein Nadeloehr im Strassenvekehr ist.
Vor ein paar Tagen musste ich dann selbst mal in solch ein Zelt hineinlaufen. Eine entfernte Verwandte war nach langer Krankheit verstorben, ausgerechnet einen Tag nach dem Todestag meines Opas, zu dessen Anlass im Haus meiner Oma auch ein ueber den ganzen Hof reichendes Zelt gespannt, und den ganzen Tag mit Verwandten gespeist wurde. Zum Tod meiner Verwandten jedenfalls wurde ich von meiner Tante angerufen und beauftragt, mit meinem Vater abzuklaeren, ob und wie ich einen Totenbesuch abstatten sollte - und zwar moeglichst sofort. Zur Frage stand auch, ob ich wie ueblich, Geld in einen Umschlag stecken sollte und mit zum Ahnenaltar bringen, aber das waere angesichts meiner Einkuenfte verglichen mit den Einkuenften der Familie laecherlich gewesen. Ich fuhr also mit leeren Haenden zum Haus der Toten. An die Hausnummer konnt ich mich nicht mehr ganz erinnern, aber das war nicht schlimm, weil ich nur nach dem grossen blauen Zelt ausschau halten musste. Duzende Leute wimmelten um, im und an dem Zelt. Ich wusste nicht, wen ich ansprechen sollte. Ich sichtete einen entfernten Verwandten der mir bekannt war, und druckste mich neben ihn, erinnerte kurz daran, wessen Tochte ich war, und dass ich leider gar nicht wuesste, wer der Hausherr waere, liess mich dann von meinem Verwandten an die Hand nehmen und zum Hausherren, dem Mann der Verstorbenen fuehren. Er sass rauchend in einem Nebenzimmer um dem ganzen Trubel im Hause zu entkommen und Gasete zu emofangen. Ich trat ein und stellte mich vor, erklaerte, dass ich heute Abend nicht zur Trauerfeier bleiben koenne, und dass mein Vater viele Gruesse sendet. Mein Vietnamesisch wurde gelobt und ein paar Details aus meinem Leben gefragt, dann bat ich hoeflich um erlaubnis, wieder zu gehen, wie man auf Vietnamesisch wortwoertlich sagt, wenn man sich verabschiedet. Als ich rauskam, waren schon Musiker im Hauseingang eingetroffen und bereiteten sich vor, auf vietnamesischen Trauerfeiern wird stundenlang traurige Musik gespielt. Ich konnte gar nicht glauben, dass die Frau erst am Morgen verstorben war, denn es hing schon ein bedruckter Banner an der wand mit ihrem Namen, Todestag (heute) und dem Alter, dass sie erreicht hatte. Wie schnell war dieses Banner in Auftrag gegeben worden? Auf dem Tischgrossen Altar stand auch schon der Sarg, ein detailreich verzierter Holzsarg der bestimmt so viel kostete, wie die ganze Feier zusammen. Ein bisschen haette es mich schon gereizt, zur Feier zu bleiben um das mal miterlebt zu haben, aber ich hatte schon geplant, am Nachmittag zu einem Freund in der Provinz Son La zu fahren.

3.9.13 02:29

bisher 2 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Ute (5.9.13 19:02)
Ist das Zelt da, damit die Gaeste im Trockenen sitzen oder hat das eine rituelle Bedeutung?
Ute


Laura (6.9.13 14:34)
Wohl eher ersteres.

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