Blinde
Es gibt 2 Millionen Blinde in Vietnam. Im Ernst?! Im Fernsehen lief gerade ein kurzer Spot darüber, viel hab ich nicht mitbekommen. Erst mein Gastbruder wies mich darauf hin, dass es um Blinde ging, dann war es auch schon vorbei. Ich weiß nicht, was die Aussage dieses Spots war oder wer so etwas füs Fernsehen produziert, aber allein die Zahl hat mich nachhaltig schockiert. 2 Millionen. Das sind doch so viele, die es türkischstämmige Menschen in Deutschland gibt. Das sind annähernd 2% der Bevölkerung.
Wieso verdammt gibt es dann keine vielfältige vietnamesische Lektüre in Braille? Weshalb gibt es keine Blindenleitsysteme, Braille-Beschriftungen in der Öffentlichkeit, oder wenigstens Ansagen im Bus? Und Warum im ganzen Land nur vier Oberschulen für blinde Schüler, wobei die Lehrer an unserer Schule nicht mal ein entsprechendes Training im Umgang mit Blinden haben?
Bisher habe ich mit meinen Schülern noch nicht viel über ihre Blindheit gesprochen, ich will erst mal über ein paar Monate eine Vertrauensbasis aufbauen. Über die potentiellen Gründe der Blindheit habe ich noch nicht viel nachgedacht, irgendwie hatte ich immer Vitaminmangel im Kopf, weil das häufig als Grund für Blindheit in diversen Entwicklungsländern angegeben wird.
Letzte Woche jedoch hat Nam, ein Mitglied im English Discussion Club, von sich aus erzählt, dass ihre Blindheit auf Agent Organge zurückzuführen ist. Das hat mich wie ein Schlag getroffen. Natürlich weiß ich, dass Agent Organge Schäden im Erbgut verursacht hat, die noch bei heute geborenen Generationen Wirkung zeigen. Aber in Verbindung gebracht mit meinen Englischschülern habe (oder wollte) ich das bisher nie. Aber erst jetzt wird mit klar, dass die Augen einiger Schüler so entstellt sind, dass es weder Verbrennungen noch Unfälle gewesen sein können, wie ich bisher angenommen hatte, es muss genetisch bedingt sein. Das mit dem Agent Organge wirkt auf einen zwar grausam, aber doch sehr weit weg, wenn man keinen Betroffenen kennt. Auch ich habe damals im Geschichtsunterricht Bilder von Agent Orange-Opfern gesehen und fand es furchtbar schlimm, aber überhaupt nicht greifbar. Doch jetzt so unmittelbar und plötzlich zu erfahren, dass Nam, die hilfsbereite, intelligente, engagierte Nam, blind ist, weil die Amerikaner dieses Scheißmistzeugs über diesem Land versprüht haben, macht mich unbeschreiblich wütend. Nam ist so ein toller Mensch, sie weiß so viel über die Welt und freut sich immer, wenn sie Neues erfährt. Ihre Familie lebt auf dem Land und betreibt bio-Landwirtschaft, worauf sie richtig stolz ist, und am Liebsten würde sie zurück in ihr Heimatdorf und mit ihrer Familie auf dem Feld arbeiten, aber das geht nicht, weil sie blind ist.
Stattdessen rackert sich Nam in Hanoi im Massagecenter ab und hilft in ihrer wenigen Freizeit noch in den Englischkursen als Übersetzerin mit. Nicht dass sie unglücklich wär, sie hat Freunde und Hobbies. Aber sie kann ihr Leben einfach nicht so führen wie sie es am liebsten täte und schuld daran ist dieser dumme Krieg, der schon längst fertig war, als ich und Nam noch nicht geboren waren.
Ich hasse dieses Gefühl, so wütend und machtlos...
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