Saigoner Begegnungen

Ich bin nun schon einen Monat wieder in Vietnam, eine Woche davon in Tra Vinh, drei Wochen in Saigon. Es war seltsam, wieder in diesem Land zu sein, was mir so vertraut ist, aber nur an Orten zu sein, die mir unbekannt sind. Ich kannte Saigon nur aus einem zehntägigen weltwärts-Seminar vor einem Jahr, flickenartig puzzelten sich deshalb manchmal Erinnerungen an bestimmte Sehenswürdigkeiten zu einem Stadtbild zusammen, als ich zu Fuß, per Taxi, allein und in der Gruppe, als Tourist und als Freiwillige, die Stadt erkundete.
Saigon ist eine reiche Stadt in einem armen Land. Eine Stadt, die nach Moderne strebt, prunkvolle Gebilde auf dreckigem Untergrund baut. Ein seltsames Gemisch, hier trifft bettelarm auf steinreich, glänzend auf gebrechlich. Dieser Gegensatz hat sich in vielen meiner Begegnungen widergespiegelt:

Meine Gastgeberin Ha, eine Freiwillige aus dem Frogsleapprojekt bei der im im Anschluss an das Projekt einige Tage gewohnt habe, studiert am Saigoner Campus des Royal Melbourne Institute of Technology, einer australischen Uni mit Außenstelle in Vietnam. So kann sie die komplette Erfahrung des Studiums an einer ausländischen Uni machen (inklusive der astronomischen Studiengebühren von mehreren tausend Euro pro Jahr), ohne das Land zu verlassen. Tagsüber spricht sie englisch, trägt Hotpants und studiert auf einem ultramodernen Campus, abends kommt sie in ihre winzige Wohnung zurück, in die kaum Sonnenlicht fällt, schmeißt den Haushalt und hat nicht das Gefühl, sich von ihrer Kultur zu entfernen, wie das oft bei Studenten der Fall ist, die im Ausland studieren. Manchmal abends, erzählt sie, sitzt sie mit ihren Freunden vor der Kirche aus französischer Kolonialzeit auf Zeitungen auf dem Boden und trinkt Zitronentee für 10cent.Wenn sie tatsächlich im Ausland studieren würde, könne sie sich das gar nicht leisten.

Long, ein guter Freund und Kommolitone von mir, der in den ersten zwei Nächten nach meiner Ankunft mein Gastgeber war, hat eine 7-jährige Schwester, die Klavierunterricht, Schachunterricht, Englischunterricht und Privatnachhilfe bekommt. Als ich ein paar Dinge einkaufen möchte, nimmt mich Longs Vater auf einen Spaziergang in den nächsten Supermarkt mit. Die Wohngegend ist sauber und ruhig, die Gehwege breit, die Luft sauber. Eine frische Brise weht vom Fluss. Wir befinden uns in District 7, dem reichsten Bezirk der Stadt, in einem Wohnprojekt "South Saigon". "Das ist die reichste Wohngegend in Vietnam", sagt Longs Vater freundlich und schmunzelt dabei. Als ich Long später darauf anspreche, beschwichtigt er: "Vielleicht nicht die reichste.. ich würde sagen die angenehmste." Abends will Long ein bisschen rausfahren, mir die Gegend zeigen. Er bringt mich in ein Einkaufszentrum, so nobel wie das KaDeWe. Markenladen neben Markenladen. Viele Schaulustige, keine Kunden. Long erklärt: "Die verkaufen hier zu westlichen Preisen, das kann sich niemand leisten. Also kommen die Leute einfach nur zum schauen, und träumen davon, irgendwann mal so viel Geld zu haben."

Ein Bekannter aus meiner Uni in London der gerade ein Praktikum an der Saigoner Börse macht, ist begeistert vom "Buzz" des Börsengeschäftes. In seiner Freizeit, stellt er mir die Saigoner HipHopSzene vor: Seine Kumpels treffen sich zum breakdancen zu Handymusik auf dreckigen Vorplätzen irgendwelcher kommunistischer Prunkbauten.

Während des SEALNet-projektes erzählen mir gleichaltrige Freiwillige erzählen mir, dass ihnen ihre Eltern keinen Freund erlauben und sie mit dem Sex bis zu Ehe warten wollen, laufen mit mir an Werbeschildern vorbei auf denen steht: "cuoc song hien dai khong ngai bao cao su" - "In einem modernen Leben muss man sich nicht vor Kondomen schämen", einen Kilometer weiter ein Kondomeladen der "cau be vang" heißt - "kleiner goldener Kerl" , undenkbar in Hanoi. Abends wollen die Freiwilligen in einen Club gehen. Aber nur zum Zuschauen, mit einem Jungen zu tanzen würden sie sich nie trauen.

Mein Kommolitone Cong, Diplomatensohn, organisiert als Teil seines elitären Praktikums eine Konferenz, auf der lokalen NGOs der Umgang mit sozialen Medien erklärt wird und nimmt mich mit. Am Abend lädt er mich ins Cafe ein und ich treffe seine Mutter, Geschäftsführerin einer Constructionfirma. Sie fragt mich nach ein bisschen smalltalk, was ich von Congs Zukunftsplänen halte. Ich weiß von ihm, dass sie erwartet dass er in ihre Fußstapfen trifft und erfolgreicher Geschäftsmann wird, dass es ihm aber vor einer solchen Zukunft graut und er insgeheim am liebsten den Rest seines Lebens nur noch Golf spielen würde. Ich schweige. Die Probleme der Jugend der vietnamesischen Oberschicht. Danach bringt mich Cong auf die Straße um ein Taxi zu rufen. Nach einigem Überlegen entscheidet er, dass der Taxifahrer mich bestimmt abmurksen würde und ich lieber ein xe om nehmen soll. Das dürfe aber nicht mehr als 30.000 kosten, meint er. 50.000 schlagen ihm die ersten xe om Fahrer vor, die an der Ecke lungern. "Niemals!" ruft Cong und lenkt ab, zu teuer. Es geht um einen Unterschied von 20.000, etwa 60 cent.

Sehr passend zu dieser Stadt der Gegensaetze finde ich dieses Bild vom Blog meines ehemaligen Mitfreiwilligen Magnus (Blog-Link in der rechten Spalte):

2 Kommentare 21.8.13 09:37, kommentieren

Der Weg zur Inklusion

Heute erschien ein Artikel in einer Online-Zeitung über das Abschlusskonzert meines zweiwöchigen Projekt mit Behinderten in Saigon. http://ione.vnexpress.net/tin-tuc/nhip-song/uyen-linh-thanh-bui-chay-cung-ban-tre-khuyet-tat-2865711.html. Bericht zu dem Projekt und der Show folgt demnächst.

17.8.13 03:14, kommentieren

Chinesische Legenden

Ich hatte mich schon immer gefragt, was so toll an dieser chinesischen Fernsehsendung mit dem schlechten kindlichen Schauspieler mit schlechter Affenmaske der schlechte Zaubertricks kann, sein soll, die im vietnamesischen Staatsfernsehen jeden Wochentag zur Prime Time ausgestrahlt wird. Nun habe ich es beim Besuch einer chinesischen Pagode in Saigon "China Town" erklärt bekommen. Die Fernsehserie basiert, ebenso wie etliche Bücher, Comics und Theaterstücke, auf der berühmtesten von Chinas vier großes Sagen: "Die Reise nach Westen". Chinesische Sagen im Vietnamesischen Fernsehen gibt es aus dem gleichen Grund wie chinesische Pagoden im Zentrum Saigons: Die tausendjährige Herrschaft Chinas über Vietnam hat ihre Spuren hinterlassen. Deshalb ist die Reise nach Westen auch eine Sage geworden, die in Vietnam gerne erzählt wird, trotz der Abneigung die viele Vietnamesen seit Chinas wirtschaftlichem Boom und militärischen Bestrebungen gegen China hegen.
In "Die Reise des Westens" ist der kindliche zaubernde Affe die Hauptfigur, auch wenn es in der Sage eigentlich um einen Mönch geht. Dem Mönchen wurde aufgetragen, wichtige buddhistische Schriften nach Westen (also von China ins heutige Indien) zu tragne, um die Lehren Buddhas zu verbreiten. Da jedoch viele Dämonen das Fortkommen des Mönchen hindern wollen, bekommt er drei Schüler zur Seite gestellt: Den Affen, der früher mal ungehorsamer Gott war und als Strafe in einen Affenkörper gesteckt wurde. Er kann 64 Zaubertricks (?), hat aber einen sehr naiven Charakter. Der zweite Schüler ist ein Schweinemensch, der auch mal Gott war (?) und seinen Körper als Strafe für Gelüste mit Göttertöchtern erhalten hat. Er kann 34 Zaubertricks (?). Der dritte Schüler ist ein wasserdämon, der dem Mönchen auf seinen Reisen über Wasser hilft und 16 Zaubertricks kann. Außerdem ist das Pferd auf dem der Mönch reist ein weiterer verwandelter Mensch, der dem Mönchen zur Seite stehen soll, er kann allerdings keine Zaubertricks. An den Fragezeichen ist zu erkennen, dass ich mir nicht alle Details aus der Sage gemerkt habe, weiteres lässt sich auf Wikipedia nachlesen.
Die chinesischen Padogen in Saigon sind übrigens sehr sehenswert, zwar grundsätzlich auch nicht anders als Vietnamesische, aber im Schnitt ein bisschen farbenfroher. Desweiteren hängen viele spiralenförmige Räucherstäbchen herum, welche es in vietnamesischen Pagoden nicht gibt. Ich habe zufällig eine französische Reiseführerin überhört, die ihrer Gruppe erklärte, dass man auf die Spitze der Spirale einen Zettel mit einem Wunsch steckt, dann die Spirale aufhängt und von unten anzündet. wenn sie ohne Unterbrechung abbrennt, wird der Wunsch wahr.

7.8.13 08:36, kommentieren

Bamboo Bloom

Ich melde mich wieder zurück in der Zivilisation. In einem Workcamp auf einer Insel im Mekong-Delta arbeiten heißt: Kein Internet, kein Handy (selbstverschuldet, ich hatte keine vietnamesische sim mehr, und dort wurden keine verkauft), deswegen auch keine Uhr. Keine Dusche. Resultat: Was für eine wunderbare Zeit! :D
Ich habe wirklich gut abschalten können, keine Gedanken an Uni, Stress, Verwandte und Erwartungen die mich in Hanoi konfrontieren werden... Ich bin völlig in der Arbeit aufgegangen und habe meine Gedanken immer nur auf das gerichtet, was gerade im Moment anstand. Das war vor allem sehr viel "persönliche Hygiene". Da ich gerade erst in Vietnam angekommen bin, galt es viel Acht darauf zu geben, weder Durchfall noch Malaria einzufangen (nachdem ich erst kurz vor meinem Abflug in Deutschland beim Blutspenden abgelehnt wurde, weil man nach einem Auslandsjahr in Vietnam eine vierjährige Sperre zum Blutspenden hat wegen Malariagefahr...). Hände desinfizieren, Essen aussortieren, auf dem Fliegen gesessen haben, sich mit einer Schöpfkelle abduschen, täglich die verschwitzte Kleidung waschen, Mückennetze aufspannen, einfalten, Bambusmatten ausrollen, einrollen, nimmt alles viel Zeit in der Tagesroutine ein, Zeit die man in Europa geschenkt hat, weil all das nicht nötig ist und man deshalb Freiraum für Dinge wie Internet findet. Nach einem anstrengenden Studienjahr tat es unglaublich gut, sich nicht um tausend Dinge gleichzeitig kümmern zu müssen, vorausplanen zu müssen, nachdenken zu müssen. Seinem Tagesrhytmus der Sonne anzupassen: Früh aufstehen, Morgensport, Frühstücken, Arbeit. Mittag, Mittagsschlaf, Arbeit. Abendessen, Schlafen. Untergebracht waren wir in einem Klassenzimmer der örtlichen Grundschule (auf dem Festland):

Nun zum Projekt an sich. Wenn man an einer Uni in Enland studiert, bekommt man von Dutzenden Organisationen die Tür eingerannt, die damit Profit machen wollen, einen auf eine zweiwöchige Freiwilligentour in irgendein Land zu schicken. Oft ist das mehr Schein als sein, und die Aufgaben der Freiwilligen bestehen oft darin, neben irgendwelchen Waisenkindern ein paar Worte Englisch beizubringen und dann nett in die Kamera zu lächeln. Studenten machen bei so etwas vor allem mit, weil es sich gut im Lebenslauf macht, und an britischen Unis wird einem eingefleucht, dass der Lebenslauf das wichtigste überhaupt ist. Alles, was man im Leben treibt lässt sich potentiell im Lebenslauf vermarkten, weil es einen irgendwie für irgendwas qualifiziert. Weil man reist und andere Kulturen kennenlernt, weil einem dann das Tor zur Welt offen steht.
Die Organisation Frogsleapfoundation ist anders. Es ist eine Organisation, die von vietnamesischen Studenten im Ausland selbst gegründet und betrieben wird, mit dem bestreben, das Wissen was Sie im Ausland erwerben selbst im Heimatland in sinnvolle Projekte umzusetzen. Projekte werden nicht geschaffen, um Freiwilligen Qualifikation zu bieten, sondern um Gemeinden zu helfen. Anfangs waren das vor allem Ingenieursstudenten vom Imperial College London, die in verschiedenen Dörfern ohne Stromanschluss Solarstationen errichtet haben. Finanziert wird das durch den Teilnahmebeitrag der Freiwilligen, die Materialien besorgt von kleinen ausgewählten Betrieben vor Ort. Auch auf Con Ho, der winzigen Insel im Mekong-Dealta (Provinz Tra Vinh) wo unser Projekt stattfand, gab es im letzten Jahr ein Workcamp, was eine Solarstation errichtet hat:

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Dieses Jahr sollte die Unterstützung für die Bewohner der kleinen Insel fortgeführt werden, denn die circa 20 Familien die dort leben waren bisher wirtschaftlich völlig vom Festland abhängig. Also wurde an der Technischen Universität in Saigon ein Wettbewerb ausgeschrieben, um Konzepte für eine nachhaltige Lebensgrundlage auf der Insel zu finden. Gewonnen hat ein Team aus Architekturstudenten, die ein Haus aus örtlich verfügbaren Materialien entworfen haben, was mit Solarzellen und Regenwasser selbstversorgend sein kann, und als Klassenzimmer oder zum Ökotourismus verwendet werden kann. Der erste Prototyp wird auf dem Grundstück der ärmsten Familie der Insel gebaut (in deren eigenem Haus der Boden nur aus festgetretener Erde bestand), die später eine Kooperation mit einer Tourismusfirma eingehen werden, um durch Homestaytouristen ein Einkommen zu sichern. Projekt "Bamboo Bloom". Die Architekturstudenten haben dabei den Bau von vorne bis hinten selbst betreut, zur Hälfte auf der Insel selbst, und zur Hälfte bei der Bambusfirma auf dem Festland, wo die Wände zusammengesetzt werden (die Firma haben wir am letzten Tag auch selbst besichtigt).

Unsere Arbeit als unqualifizierte Freiwillige bestand vor allem daraus, Palmblätter einzusammeln, die überall um die Insel herum wuchen, und aus denen später das Dach gebaut werden sollte. Die Blätter gehörten zu einer Planze, die auf vietnamesisch Übersetzt "Wasserkokosnuss", auf deutsch aber Nipapalme heißt. Da diese Planze zu Genüge auf der Insel wuchs, wurde sie schon für die Däche der anderen Häuser auf der Insel verwendet: .

In diesen Tagen habe ich viele schöne Stunden auf einem Boot um die Insel verbracht. Ja, es war heiß und erschöpfend, aber es war auch das reinste Lotterleben. Wenn wir müde waren, haben wir Pausen gemacht, die Beine ins Wasser baumeln lassen, und ein Junge von der Insel hat uns von bis zu 6 Meter hohen Palmen Kokosnüsse gepflückt. Körperlich harte Arbeit, geistige Entspannung. Das hat mir zu denken gegeben. Der Junge, der uns die Kokosnüsse pflückte, war etwa in meinem Alter. Er hat bestimmt wahrscheinlich nicht mal die Oberstufe besucht, kann keine Fremsprache, war noch nie verreist. Aber er kann Kokosnüsse von 6 Meter hohen Palmen pflücken, Boote zielsicher mithilfe von Palmenblättern lenken, aus jeder denkbaren Entfernung ans Ufer springen, und mit einer Machete im Sekundentakt Palmenblätter fällen. Perfekt auf das Leben auf der Insel angepasst. Und er schien mehr Spaß im Leben zu haben, als all die jungen überqualifizierten Leute, die mit mir auf einer sogenannten Eliteuni in London studieren. Mir steht mit meinem Studium das Tor zur Welt offen, ich könnte überall auf der Welt gute Arbeit finden, aber genau deshalb zweifle ich auch viel, denke zu viel nach, kritisiere, bin unsicher. Ich denke in den nächsten Monaten und Jahren meines Studiums noch oft an den Jungen von der Insel zurückdenken, und ihn beneiden, um sein anstrengendes, aber simples Leben.


Bilder:


Blätter ins Boot laden


Durst? Kokosnusspause!


Pomelos gab es auch, und die konnten wir sogar selbst pflücken.


Die Baufläche


Eine Solarbetriebene Lampe, die nach Sonnenuntergang Booten die richtige Stelle zum Anlegen zeigt.

1 Kommentar 1.8.13 11:17, kommentieren

Mangostane

Kann mir jemand erklaeren, warum auf den Mangostanenschalen oft gelbe Flecken sind? Die sehen aus wie Lackfarbe und lassen mich vermuten, dass irgendwelche Chemikalien beim Anbau verwendet werden?

1 Kommentar 31.7.13 05:09, kommentieren

Ankommen einfach gemacht

Ich wünschte damals bei meinem weltwärts-Jahr wäre alles so einfach gewesen. Bei dieser Reise konnte ich viel von meinen Erahrungen schöpfen: Ich ließ mir beim Packen nicht mehr einreden, was man angeblich alles in Vietnam nicht kaufen könne und was es alles zu beachten gebe. Ich habe mir mein eigenes Bild von Vietnam gemacht und weiß in etwa, was ich vor Ort wie besorgen kann. Ich habe nun eine stolze schicke Visums-Befreiungs-Bestätigung, weil ich Kind von einem Vietnamesen bin, was mich dem Mann an der Passkontrolle mit einem breiten Grinsen gegenüber treten ließ statt mit schlotternden Knien wie damals. Ich weiß nun besser als letztes mal, wo man seine Schuhe hinstellt (vor der Tür) und wann Gastgeschenke übergeben werden (sofort). Andererseits sind bei dieser Reise auch die Umstände in vielerlei Hinsicht viel glücklicher: Ich wurde am Flughafen nur von einem Kommolitonen abgeholt, nicht von 15 schnatternden und an mir zerrenden Verwandten. Ich verbringe die erste Nacht bei der Familie meines Komolitonen, die mich größtenteils in Ruhe lassen und mir Zeit zum ankommen geben, und nicht bei meiner Tante, die mir sagt, was ich wie, wann und mit wem beachten soll. Und zuletzt komme ich diesmal in Saigon an, wo das Straßenbild westlicher aussieht, die Leute entspannter sind und vor allem das Klima im Sommer viel milder als in Hanoi, so dass ich nach der Kälte im Flugzeug sogar einen ruhigen Schlaf ohne Ventilator und Klimaanlage haben konnte.
Insgesamt stehen die Dinge für mich diesmal besser und ich kann ohne jeglichen Kulturschock sofort ein annährend heimisches Gefühl entwickeln - der Klang von Hupen auf den Straßen, der dünne dauerhafte Schweißfilm auf der Haut, ein bekannter Duft in der Luft (eine Mischung aus Abgasen und irgendwelcher Vegetation, die anscheinend in hanoi und Saigon ähnlich ist). Bevor ich in irgendeiner Weise rational verarbeitet habe, dass ich wieder in Vietnam bin, habe ich es emotional begriffen.
Auch wird mir klar, dass meine Ankunft damals vor zwei Jahren in vielerlei Hinsicht eine der schwierigsten war, die ich hätte haben können - ein Schock nach dem anderen und weder Zeit noch Raum um alles irgendwie zu begreifen. Ich weiß noch, wie ich damals zufällig auf dem weg von Flughafen meinen ersten Verkerstoten auf der Straße hab liegen sehen und dachte, dass ich im reinsten Chaos gelandet wäre und das nun mein täglicher Anblick werden würde.
Nachdem ich heute einen ruhigen Tag hatte (relativ gesehen, denn es kam prompt eine ganze Horde Vietnamesischer Studenten meiner Uni in London zu Besuch), geht es morgen ins Mekong-Delta, wo ich auf der Con Ho Insel in der Tra Vinh Provinz in einem Workcamp mitarbeiten werde. Auf dieser einkommensschwachen Insel hatte die vietnamesische NGO Frogsleap Foundation aus London in den vergangenen Jahren bereits Workcamps veranstaltet um Solarzellen auszubauen, danach wurde an der technischen Uni in Saigon ein Projekt ausgeschrieben um nachhaltig Konzepte für die Insel zu entwickeln. Das Ergebnis war ein flutsicheres Haus komplett aus Bambus (als lokal vorhandener, billiger, und schnell nachwachsender Rohstoff), an dessen Bau ich in den nächsten zwei Wochen mitwirken werde.

Hier der Link der NGO, die von vietnamesischen Studenten aus technischen Studiengängen der Imperial College London gegründet wurde. Sie veranstalten von Frühling bis Herbst zahlreiche Workcamps in Vietnam wo immer nachhaltige, teils von Studenten selbst entwickelte Technologien eingesetzt werden, um Solarzellen, Überflutungsdämme oder Klassenzimmer in armen Dorfregionen Vietnams zu bauen: http://frogsleapfoundation.org/.

21.7.13 11:36, kommentieren

Ich komme zurück.

Letzte Woche bin ich aus meinem Studentenwohnheim in London ausgezogen. Über den Sommer zahlen wir keine Miete, dafür müssen wir aber auch ausziehen. Nächstes Jahr wohne ich dann am Regent's Park. Es war ein schönes erstes Studienjahr. Ein Jahr, in dem ich viel über Entwicklungs- und Gesellschaftstheorien gelernt habe, was mir geholfen hat, mein Leben in Deutschland und Vietnam durch eine andere Linse zu sehen. Ein Jahr auch, in dem ich durch den internationalen Charakter meiner Uni viel Kontakt mit vietnamesischen Studenten, Organisationen und Veranstaltungen hatte und das Gefühl hatte, den Kontakt zu Vietnam nie so richtig zu verlieren. Es sind auch jene vietnamesische Studentengruppen, welche dazu geführt haben, dass ich diesen Sommer wieder in Vietnam verbringen werde. Zunächst werde ich an zwei Freiwilligenprojekten mitwirken. Eines, von einer vietnamesischen Studentenorganisation vom Imperial College London wird ein Workcamp sein, in dem wir einen Flutschutz in einem Dorf im Mekong-Delta nach dem Konzept eines vietnamesischen Ingenieursstudenten bauen. Das zweite ist ein Community Workshop mit Behinderten in Saigon. Mehr details zu den Projekten werden in den nächsten Tagen folgen.

Im Anschluss werde ich wieder nach Hanoi fliegen und meine Familie sowie die Blindenschule besuchen. Es gibt viel aufzuholen. Meine Cousine sowie meine Gastmutter haben im vergangenen Jahr ein Kind bekommen. Einige meiner Schüler aus der Blindenschule haben ihren Abschluss gemacht und angefangen zu arbeiten. Meine Tante sowie meine Oma hatten Gesundheitsprobleme. Im Second Home gibt es weiterhin finanzielle Probleme und drei der Kinder werden wohl nicht nach Hanoi zurückkommen können.

Mit im Gepäck mitbringen werde ich viele englische Souvenirs: Chelsea, Manchester United, Arsenal und Liverpool sind der Renner in Vietnam. Noch viel wichtiger, ich konnte bereits von einer deutschen Blindenhilfsmittelfirma Sachspenden für die Blindenschule erbeten, weitere Anfragen laufen.

An dieser Stelle ein großes Dankeschön an die Firma BLISTA BRAILLETEC für die Bereitstellung der Schreibtafeln als Sachspende für die Blindenschule!

Von Hanoi aus werde ich dann noch für etwa zwei Wochen ein paar Komolitonen in Thailand, Malaysia und Singapore besuchen fahren. Vielleicht. Denn, typisch asiatisch, haben die selbst alle noch nicht geplant, ob und wann sie zu Hause sind, selbst reisen, oder schon wieder nach London fliegen. “Du bist so typisch Deutsch, Laura!”, habe ich immer gehört, “Du hast schon alle deine Tickets gebucht, dir zwei Freiwilligenprojekte organisiert UND nach Spenden gefragt.. überorganisiert!”

Nach einem ziemlich kalten Studienjahr mit viel Lernen, Sitzen und wenig Aktionismus wird es also ein heißer, ereignisreicher Sommer :D

5 Kommentare 12.7.13 13:33, kommentieren

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