Willkommen auf meinem Blog

Dieser, mein letzter Eintrag auf diesem Blog, ist zugleich der erste der euch als Besucher meines Blogs begegnet.

Anderthalb Jahre lang prangte der untenstehende Eintrag über eine vietnamesische Show an meiner Uni in London allen Besuchern meines Blogs entgegen, weil ich immer noch dachte, dass ich ja "vielleicht irgendwann noch mal was schreiben würde" und deshalb nie einen Abschlusseintrag verfasst habe.

Nun gestehe ich mir ein, dass dieses Blog-Projekt abgeschlossen ist. Ich habe viel positives Feedback erhalten und bekomme heute immer noch hin und wieder Kommentare oder E-mails durch den Blog, so dass ich ihn online erhalten möchte, da er vielleicht eine nützliche Informationsquelle für Menschen sein kann, die bald nach Vietnam reisen oder sich mit ihrer vietnamesischen Identität beschäftigen. 

Ich hoffe ihr findet Interessantes unter meinen Einträgen von vor, während und nach meines Freiwilligenjahres in Vietnam und meinen Relfektionen über das vietnamesische Leben in Europa.

Eine kurze Übersicht, was ich in Vietnam getrieben habe, findet ihr auf der "Über..."-Seite (obere Leiste). Wer meinen Blog chronologisch lesen will, kann dazu das Archiv aufschlagen. Ansonsten könnt ihr einfach in den Kategogieren rechts anfangen loszustöbern.

 

Viel Spaß beim Lesen!

 

1 Kommentar 14.5.15 01:44, kommentieren

"Cultural Show" - die Legende von Son Tinh und Thuy Tinh

Für asiatische Studenten die in England oder Amerika studieren scheint es kein größeres Gemeinschaftsgefühl und keine größere Liebeserklärung an ihre Heimat zu geben, als jedes Jahr eine große Musical Show auf die Beine zu stellen. Jedes Jahr gibt es bei uns eine große Malaysische, Japanische, Hongkongesische, Koreanische und eben auch Vietnamesische Show, komplett von Studenten organisiert. Das ganze nennt sich offiziell "Cultural Show", weil damit suggeriert wird, dass man Zuschauern im Gastland die eigene Kultur näher bringt und somit entschuldigen kann, weshalb man wegen Bühnenproben mehrere Wochen lang Vorlesungen verpasst. Das ist aber darüber hinweg, dass sich im Publikum fast ausschließlich Menschen des jeweiligen asiatischen Landes befinden, weil die Shows eben in der Heimatsprache stattfinden und deshalb Anziehungspunkt für die im Gastland lebende ausländische Gemeinde darstellt.

Am vergangenen Wochenende war unsere Vietnamesische Studentenvereinigung an der Reihe, ihre jährliche Show auf die Bühne zu bringen. Die Sache war ein Megaereignis, die meisten meiner vietnamesischen Freunde haben in den vergangenen Wochen sich mit kaum etwas anderem die Zeit vertrieben. Ein Saal für 1.000 Leute musste gebucht, Lieder komponiert, Sponsoren gesucht werden (und zahlreich gefunden: von vietnamesischen Restaurants in London bis zu Fluggesellschaften die ihre Billigflüge nach Vietnam bewerben wollten), und am Ende sogar noch Wohltätigkeitsorganisationen in Vietnam kontaktiert werden, an die man das überschüssige Sponsorengeld leiten konnte.

Das Theater war bis an den Rand gefüllt, Vietnamesische Journalisten anwesend (Artikel gibt es auf Vietnam Plus und Bao Tin Tuc.) , der vietnamesische Botschafter geladen (zugegeben, sein Sohn studiert an unserer Uni, er wäre wahrscheinlich sowieso gekommen). Die Geschichte auf der Bühne basierte auf einer alten Vietnamesischen Legende, von zwei kontrahierenden Männern, Son Tinh (der in der Legende das Erdreich beherrscht, im Musical jedoch eher als reicher Bonze dargestellt wurde) und Thuy Tinh (in der Legende der Herrscher der Meere, bei uns jedoch ein armer Schlucker vom Dorf). Die beiden verlieben sich in eine Prinzessin, und sie verliebt sich in Thuy Tinh, weil er bodenständig und nicht arrogant ist. Jedoch wollen ihre Eltern sie aus Geldgründen mit dem reichen Son Tinh verheiraten. Dargestellt mit viel Humor, Tanz und Gesang, kommt es am Ende zum Kampf zwischen Thuy Tinh und Son Tinh, was der Legende nach die Begründung für das immerwiederkehrende Aufbegehren des Meeres gegen das Land sein soll, in unserem Musical jedoch eine Warnung gegen zuviel Geldgierigkeit war.

Wer einen kleinen Eindruck haben möchte, mittlerweile ist fast die gesamte Show auf youtube.
Hier der erste Teil der Story, für die die Vietnamesisch verstehen: http://www.youtube.com/watch?v=fIx0KEDgyXc&feature=share

Und für die ohne Vietnamesischkenntnisse hier ein Video mit den besten Tänzen: http://www.youtube.com/watch?v=YTogrhFD-bU&feature=youtu.be

2 Kommentare 19.11.13 23:10, kommentieren

Das Gefuehl, wieder in Hanoi zu sein.

2 Wochen Hanoi. Eine Stadt, in der man ein Jahr gelebt hat, in nur einer solch kurzen Zeit noch ein mal zu besuchen ist genauso stressig und geladen, wie es vermuten laesst: Als ob man ein ganzes Jahr in 2 Wochen quetschen wuerde.
Es waren viele Dinge anders: Einige Babies waren neugeboren, Kleinkinder waren groesser geworden und hatten sprechen gelernt, einige Freunde und Verwandte haben anfgefangen zu studieren/aufgehoert zu studieren/eine neue Arbeit begonnen/ihre Arbeit verloren/ihre Arbeit gewechselt in der kurzen Zeit in der ich da war, Familien mit denen ich befreundet war sind umgezogen, aufs Dorf zurueckgekehrt, haben geheiratet, jemand ist verstorben (siehe zwei Eintraege weiter unten). Die Umschlagrate des Lebens ist irgendwie einfach hoeher in Vietnam.
Trotz all diesem Hin und Her, der Veraenderung und Fluktuation, ist das Gefuehl das Gleiche geblieben. Es kam sofort wieder, als ich mich am ersten Tag nach meiner Ankunft aufs Motorrad gesetzt habe. Vier Wochen war ich davor schon in Vietnam gewesen, habe meinen Magen an das Essen, meine Zunge an die Sprache, und meine Haut an das Klima gewoehnt, aber mein Herz wollte sich sich noch nicht so recht gewoehnen. Ich nahm zwar die ganze Zeit wahr, dass ich in Vietnam war, aber so richtig freuen, so richtig heimisch fuehlen konnte ich mich nicht. An meinem ersten Morgen in Hanoi jedoch, nachdem ich von meiner Tante selbstbewusst eingefordert hatte, mir ein Motorrad zu leihen (und dabei sehen konnte, wie sie innerlich schrie "Du bist doch Auslaenderin, du kennst dich doch hier gar nicht aus, das ist alles viel zu gefaehrlich fuer dich, du bist doch noch ein Baby!", sich dann aber meiner Fahrkuenste von letztem Jahr besonn und einfach zustimmte), musste ich mir einfach nur den Namen einer Strasse ins Gedaechtnis rufen, und dann ging es los. Ich fuhr, ohne nachzufragen, wie man das Motorrad bedient, ohne auf die Karte zu schauen, ich fuhr los, und dachte, dass es kein Gefuehl auf der Welt geben koennte, was sich natuerlicher anfuehlten wuerde.
Ich traf viele Leute in diesen zwei Wochen, einige neue, die gerade in Hanoi urlaubten, und viele, viele alte Bekanntschafen. Freunde. Freunde, mit denen ich letztes Jahr sehr eng befreundet gewesen war, mit denen ich dann aber das jahr ueber kaum Kontakt gehalten habe. Das war nun nicht wichtig. Ich war wieder da, und unsere Freundschaft war beim alten. Ich erinnere mich, wie ich vor vielen Jahren mal eine deutsch-vietnamesische Schulfreundin in Berlin besucht habe, und aus Interesse gefragt hatte, ob denn ihre Mutter noch Freundschaften in Vietnam haelt nachdem sie ausgewandert war. Meine Freundin antwortete: "Meine Mutter hat noch zwei Freundinnen aus Grundschulzeiten, wenn sie in Deutschland ist, ruft sie die fast nie an, aber wenn sie nach Vietnam zurueckkehrt, und sei es nur ein Mal alle fuenf Jahre, benehmen die sich wieder wie beste Freundinnen."
Vielleicht hat das Leben in Vietnam eine hoehere Umschlagrate, aber Gefuehle tun es nicht. Es war nicht wichtig, dass ich meine blinde Gastschwester nur ein einziges Mal im vergangenen Jahr angerufen habe. Ich hatte das Gefuehl, dass es in meinem Leben in London nichts gab, was sie regelmaessig interessiert haette. Was haette ich denn erzaehlen sollen? Dass ich gerade eine Hausarbeit ueber Indigenenrechte schreibe?
Das ist jetzt egal, denn als ich wieder da war, zaehlte nur der Moment. Und ich und meine Gastschwester redeten, wir redeten ueber alles und nichts, ueber Freunde treffen heute Abend und Fruehstueck morgen frueh. Und manchmal redeten wir auch einfach gar nicht, sondern lagen nur einfach auf dem Bett, auf dem wir letztes Jahr immer geschlafen hatten, lagen unter dem Surren des Ventilators und hoerten dem Markttreiben auf der Strasse zu. Das ist das Gefuehl, wieder in Hanoi zu sein.

2 Kommentare 6.9.13 16:38, kommentieren

Thai

Ich moechte heute ueber Thai schreiben, ungeachtet dessen, dass ich gerade tatseachlich in Thailand bin (ich habe gestern meinen Vietnamaufenthalt fuer diesen Sommer beendet und beginne nun meine Suedostasienreise, aber dazu speater mehr), ich moechte ueber die Thai in Vietnam schreiben. Wie in meinem letzten intrag erwaehnt, habe ich eine Totenfeier in HAnoi verpasst, um einen Freund von mir in Son La zu besuchen. Son La ist eine grossfleachige Provinz an der Grenze zu Laos in der es viele Thai gibt, eine der 54 offiziell anerkannten ethnischen Minderheiten Vietnams. Einen Wikipediaeintrag hierzu gibt es leider nur auf Vietnamesisch: http://vi.wikipedia.org/wiki/Ng%C6%B0%E1%BB%9Di_Th%C3%A1i_(Vi%E1%BB%87t_Nam). Ich glaube als durchschnittlicher Hanoi-Bewohner kommt man fast nie in Kontakt mit Menschen aus ethnischen Minderheiten, die diese meist in abgelegenen Bergregionen wohnen. Aber als Freiwillige an der Blindenschule, zu der Schueler aus ganz Nordvitnam kamen (weil es die einzige Blindenschule in der Region ist), hatte ich die Gelegenheit, zwei Schueler aus ethnischen Minderheiten von entfernten Provinzen kennenzulernen.
Duong ist 23 Jahre alt, hat seine Schulzeit in Hanoi beendet und ist in sein Heimatdorf am Stadtrand der Provinzhauptstadt Son La zurueckgekehrt, um dort an der oertlichen Blindenvereinigung Braille (Blindenschrift) fuer Schueler aus der ganzen Provinz zu unterrichten. Ein Alphabetisierungskurs sozusagen, damit seine Schueler im Anschluss die noetigen Grundlagen haben, um eventuell an der Blindenschule in Hanoi zu lernen.
Duong war ein enger Freund von mir geworden und ich hatte ihm versprochen, in in seinem Heimatdorf besuchen zu kommen, was mich eine 8-stuendige Busfahrt und viel Reiseuebelkeit gekostet hat. Insgeheim hatte ich mir auch erhofft, einen Einblick darin zu bekommen, wie die Thai so leben und wie der Alltag ethnischer Minderheiten in Vietnam ist. Meine Exotiklust wurde wohl ziemlich enttaeuscht, denn der Alltag der ethnischen Minderheiten ist wohl auch kaum anders als der Alltag aller Vietnamesen. Ich hatte erwartet, dass Duongs Familie in Stelzenhaeusern wohnt, traditionelle Kleidung traegt, den ganzen Tag Thai spricht, und irgendwelche Rituale begeht. Stattdessen hat Duongs Mutter einen Allerlei-laden, wohnt in einem ganz normalen Steinhaus, spricht den Grossteil des Tages Vietnamesisch, und zieht ihre Tracht auch nur so haeufig an, wie die Vietnamesen ihr Ao Dai oder die Deutschen ihr Dirndl (naemlich nur um Fotos zu schiessen, wie weiter unten zu bestaunen ist).

Am Morgen nahm mich Duong auf eine kleine Besichtigungstour durch die Stadt und wir besuchten unter anderem das Museum im ehemaligen Franzoesischen Kolonialgefaengnis, was sehr sehenswert ist und erzaehlt, wie vietnamesische Revolutionaere das Gefaengnis als Planungszentrale und Schule fuer ihre Revolutionsplaene gegen die franzoesischen Kolonialherren nutzen. Mehr Infos: http://www.vietnamonline.com/attraction/son-la-former-prison-museum.html

Aus Anlass meines Besuches wurde dann ein grosses Essen mit allen Verwandten organisiert, was im Hause eines Onkels stattfand, der dann doch in einem Stelzenhaus wohnte Solche Haeuser sind aus Bamus und Holz gebaut (Holz und Stein, wenn man reicher ist), stehen auf etwa 2,5m hohen Saeulen. Eine Aussentreppe fuehrt nach oben, wo der Wohnraum meist aus einem einzigen groessen Zimmer besteht. Die Fenster sind meist nicht verglast, und der Boden hauefig aus Bambus gewebt, damit Frischlust von unten kommt. Gesessen wird auf quadratischen Kissen, die aus irgendeinem besonders festen Material sind (daraus sind auch die Matrazen, darauf schlaeft man vozueglich!). Statt von Tischen oder vom Boden isst man typischerweise von runden Serviertabletts, die eine Erhebung haben. Waehrrend des Essens habe ich mich nicht getraut Fotos zu schiessen, ich waer mir wie eine Ethnologin vergekommen, die den Lebensstil einer fremden Kultur dokumentieren will. Deshalb nur ein Foto von spaeter am Tag, als wir in kleiner Runde Fruechte im Hause eines anderen Onkels assen.

Zu Essen gab es einige Speisen, von denen mir gesagt wurde, dass sie typsich traditionell sind, aber ich kannte die meisten Zutaten vom Namen nicht und konnte deshalb nicht sagen, ob es besondere Gemuesesorten waren oder einfach nur eine andere Zubereitungsart. Die verheirateten Frauen trugen ihr Haar in einem Knoten auf dem Kopf, verziert mit Blumenbroschen, allerdings erzaehlte mir Duongs Bruder auch, dass er mit seiner Frau entscheiden hatte, dass sie aus diese Haartracht verzichten kann und ihr Haar traegt wie sie will (den Grund hat er nicht gesagt, aber ich vermute, dass sie einfach modern sein wollen). Waehrrend des Essens wurde dann doch recht viel Thai gesprochen, nach einiger Zeit habe ich auch abgeschaltet und gar nicht mehr registriert, wenn jemand mit mir doch Vietnamesische gesprochen hat, so aehnlich hoerten sich die Sprachen an. Meine Zeit dort war zu kurz um detaillierten linguistischen Studien nachzugehen, aber eine enge Verwandtschaft zu dem Thailaendisch, was in Thailand gesprochen wird, muss schon bestehen, denn mein Gastgeber in Bangkok hat mir gerade bestaetigt, dass zumindest die Ziffern 1,2,3 identisch sind (nung, song, sa), mehr hatte ich mir nicht gemerkt. Wir fuehrten dann noch eine kurze Unterhaltung ueber das Aussterben von Sprachen. Aus der Uni meinte ich mich zu erinnern, dass bist 2050 erwartet wird, dass sich die Anzahl der Weltweit gesprochenen Sprachen von 6.000 auf 3.000 reduziert. Mir wurde von Duongs Verwandtschaft erzaehlt, dass vor einigen Jahren ein Kurs in der stadt eroeffnet wurde, in dem Thai unterrichtet wird, in einem Bestreben, die Sprache zu erhalten. Ueberaus besorgt schien mir allerdings niemand um die Sprache, sie alle sprochen fliessend Vietnamesisch, und die kleine 8-jaehrige Schwester von Duongs konnte nicht mal aktiv Thai sprechen (aehnlich wie meine Geschwister in Deutschland kaum aktiv Vietnamesisch sprechen), und es schien niemanden gross zu stoeren, man sprach eben einfach Vietnamesisch mit ihr. Es war dann auch Duongs kleine Schwester, die auf die Idee kam, Fotos in ihrer Tracht zu schiessen, sie war ganz begeistert von meiner Kamera. Ich wurde dann auch gleich gebeten, die Fotos in Hanoi auszudrucken und herschicken zu lassen, vielleicht bekommen die dann einen Ehrenplatz an der Fotowand im Haus, genauso wie das Foto von mir und Duong, was ich ihm letztes Jahr geschenkt hatte, und unglaublich geruehrt war, es dieses Jahr an der Wand in diesem kleinem Haus der Familie der Thai in der Provinz Son La an der Laotischen Grenze zu finden. Wer kann so was schon von sich behaupten?

4.9.13 07:29, kommentieren

Totenbesuche

Noch vor ein paar Tagen bin ich die De La Thanh Strasse, ein Nadeloehr im Hanoier Hauptverkehrsweg langgefahren und betete instaendig, dass in der Zeit, in der ich hier sein werde, moeglichst wenig Menschen sterben wuerden. Eine Totenfeier war naemlich der Grund fuer Stau auf der De La Thanh. Wenn in Vietnam ein Mensch stirbt, wird in dessen Haus von der Verwandtschaft in Windeseile ein blaues Festzelt zur Strasse hin errichtet, ungeachtet dessen, ob die Strasse ohnehin schon ein Nadeloehr im Strassenvekehr ist.
Vor ein paar Tagen musste ich dann selbst mal in solch ein Zelt hineinlaufen. Eine entfernte Verwandte war nach langer Krankheit verstorben, ausgerechnet einen Tag nach dem Todestag meines Opas, zu dessen Anlass im Haus meiner Oma auch ein ueber den ganzen Hof reichendes Zelt gespannt, und den ganzen Tag mit Verwandten gespeist wurde. Zum Tod meiner Verwandten jedenfalls wurde ich von meiner Tante angerufen und beauftragt, mit meinem Vater abzuklaeren, ob und wie ich einen Totenbesuch abstatten sollte - und zwar moeglichst sofort. Zur Frage stand auch, ob ich wie ueblich, Geld in einen Umschlag stecken sollte und mit zum Ahnenaltar bringen, aber das waere angesichts meiner Einkuenfte verglichen mit den Einkuenften der Familie laecherlich gewesen. Ich fuhr also mit leeren Haenden zum Haus der Toten. An die Hausnummer konnt ich mich nicht mehr ganz erinnern, aber das war nicht schlimm, weil ich nur nach dem grossen blauen Zelt ausschau halten musste. Duzende Leute wimmelten um, im und an dem Zelt. Ich wusste nicht, wen ich ansprechen sollte. Ich sichtete einen entfernten Verwandten der mir bekannt war, und druckste mich neben ihn, erinnerte kurz daran, wessen Tochte ich war, und dass ich leider gar nicht wuesste, wer der Hausherr waere, liess mich dann von meinem Verwandten an die Hand nehmen und zum Hausherren, dem Mann der Verstorbenen fuehren. Er sass rauchend in einem Nebenzimmer um dem ganzen Trubel im Hause zu entkommen und Gasete zu emofangen. Ich trat ein und stellte mich vor, erklaerte, dass ich heute Abend nicht zur Trauerfeier bleiben koenne, und dass mein Vater viele Gruesse sendet. Mein Vietnamesisch wurde gelobt und ein paar Details aus meinem Leben gefragt, dann bat ich hoeflich um erlaubnis, wieder zu gehen, wie man auf Vietnamesisch wortwoertlich sagt, wenn man sich verabschiedet. Als ich rauskam, waren schon Musiker im Hauseingang eingetroffen und bereiteten sich vor, auf vietnamesischen Trauerfeiern wird stundenlang traurige Musik gespielt. Ich konnte gar nicht glauben, dass die Frau erst am Morgen verstorben war, denn es hing schon ein bedruckter Banner an der wand mit ihrem Namen, Todestag (heute) und dem Alter, dass sie erreicht hatte. Wie schnell war dieses Banner in Auftrag gegeben worden? Auf dem Tischgrossen Altar stand auch schon der Sarg, ein detailreich verzierter Holzsarg der bestimmt so viel kostete, wie die ganze Feier zusammen. Ein bisschen haette es mich schon gereizt, zur Feier zu bleiben um das mal miterlebt zu haben, aber ich hatte schon geplant, am Nachmittag zu einem Freund in der Provinz Son La zu fahren.

2 Kommentare 3.9.13 02:29, kommentieren

SEALNet the Road to Inclusion

Das Southeastasian Leadership Network (SEALNet) ist eine Organisation von asiatischen Studenten in den USA, die jeden Sommer in verschiedenen suedostasiatischen Laendern Jugendcamps veranstalten, um interkulturellen Austausch zu foerdern, an einem sozialem Thema zu arbeiten und dabei "Leadership Skills" bei den Jugendlichen zu entwickeln. Ich hatte mich bei dem diesjaehrigen Projekt in Vietnam "Der Weg zur Inklusion" beworben, weil es ein Projekt mit koerperlich Behinderten in Saigon war, und ich nach meiner Arbeit an der Blindenschule gerne mehr ueber die Arbeit mit Menschen andersartiger Behinderungen lernen moechte und mir auch ein bisschen erhoffte, mit den Behindertenhilfsorganisationen ein bisschen zu Netzwerken, um daraus vielleicht Erfahrungen zu schoepfen, die den Blinden in Hanoi hilfsreich sein koennen.
offizieller Blog des Projektes: http://sealnetpv13.wordpress.com/

Ich hatte mich eindeutig darin verschaetzt, worin es in diesem Projekt ging. Die meisten Teilnehmer waren asiatische Studenten aus den USA die mal nach Vietnam kommen wollten, oder Vietnamesische Studenten, die gerne auslaendische Studenten kennenlernen wollten. Die erste Woche verbrachten wir fast ausschliesslich mit Kennenlern- und Teambuildingspiele, Leadershipaktivitaeten. Viele kleine Spielchen, bei denen wir uns zum Beispiel gegenseitig mit verbundenen Augen den Weg erklaeren mussten, oder ohne ueber ein Seil zu treten nach einem Zettel mit einem Wunsch zu greifen.

Erst nach einigen Tagen widmeten wir uns der von mir ersehnten Begegnung mit behinderten Menschen, hauptsaechlich Rollstuhlfahrer und Menschen mit eingescharenkter Motorik. Wir besuchten ein "Activity and Resource Center", wo es Kurse, Gespraechsgruppen und Auftritte und eine Bilbiothek von und fuer Behinderte gab. Die Leiterin erzaehlte uns von den Problemen mit denen die Behinderten zu kaempfen hatten, das groesste war die Mobilitaet im Saigoner Strassenverkehr. Im ganzen Saigoner Busbetrieb gibt es nur etwa 20 Busse, die eine Rollstuhlrampe haben. Taxis sind teuer. Auf Motoraedern koennen viele nicht sitzen. Deswegen hat das Center einen Abholservice mit 3-raedigen Fahrzeugen eingerichtet, aber es fehlt an Geld. Zur Finanzierung versucht man, kleine Souvernirs zu vermarkten, die von einigen Behinderten im Center angefertigt werden, doch es fehlt an Vermarktungswegen. Das Problem ist, dass vietnamesische Souvenirlaeden schon heute ueberschwemmt sind mit Produkten, die angeblich von Behinderten hergestellt wurden, und Vietnamesen gelernt haben, misstrauisch gegenueber solchen Produkten zu sein. Wir diskutierten ob uns irgendwas einfiel, die Souvenirs zu verkaufen und anderartig Spenden zu generieren, aber die Diskussion wurde bald wieder von irgendwelchen Spielchen und Leadershipaktivitaeten unterbrochen. Ich war frustriert, mit meiner Deutschen Art, schnell und ununterbrochen auf irgendein Ziel hinzuarbeiten und musste mich den vietnamesischen Gruppenspielchen ergeben.

In den darauffolgenden Tagen verbrachten wir taeglich mehrere Stunden mit einigen Menschen aus dem Behindertencenter, die mit uns eine Show auf die Beine stellen wollten. Mit einer Auffuehrung wollten wir die Geschichten Behinderter an die vietnamesische Oeffentlichkeit bringen, wo selten darueber gesprochen wird. Rollstuhlfahrer werden in Vietnam oft mit Lottolosverkaeufern gleichgestellt, selten wird wahrgenommen, dass sie auch Studenten, normale Arbeiter, Familienmenschen sein koennen. Dass sie nicht nur bemitleidet sondern gerecht behandelt werden wollen.

In der Show waren meiner Meinung nach einige wirklich schoene Elemente, viele Szenische Auffuehrugen die wir mit den Behinderten erarbeitet hatten, die ihren Alltag darstellten, einige lasen aus ihren Tagebuechern oder traten mit ihren Talenten auf, sei es Gesang oder Rollstuhltanz. Leider wurde das ein wenig ueberschattet von den Auftritten einiger vietnamesischer Promis, die zur Show eingeladen wurden um ein groesseres Publikum anzuziehen. Als Thanh Bui, ein Vietnamese der Mal bei The Voice of Australia mitgemacht hat, auf die Buehne ging, kreischte das Publikum, und die Behinderten waren vergessen.

Ich bin ein bisschen gemischter Gefuehle ueber dieses Projekt. Es war viel Tara um wenig Wirkung, auch wenn ich trotzdem um viele Begegnungen und Erfahrungen reicher bin.

28.8.13 06:25, kommentieren

À Ố Show


Als ich in Saigon war, lief in der städtischen Oper (ein französischer Kolonialbau, genau wie in Hanoi, und Shows sind überwiegend von Ausländern besucht) eine legendäre Show, die sich A O nennt, was für die Ausrufe des Publikums bei Anschauen der Show stehen soll. Es war zweifellos eine wunderbare Show, viel Artistik, Tanz, szenische Darstellung, traditionelle Musik, kaum gesprochenes Wort. Der Regisseur war Vietnamese und hatte in Berlin Kunst studiert und dann an der Kulturfabrik geabeitet (die Details habe ich mir nicht gemerkt, meine Freundin hat nach der Show sehr aufgeregt mit dem Regisseur gesprochen). Man konnte, wenn man wollte, die Show einfach ohne Hintergrundgedanken genießen, aber wenn man mit der vietnamesischen Kultur ein bisschne vertraut war, konnte man viele Geschichten über die Entwicklung Vietnams und das Alltagsleben hineininterpretieren, oft mit viel Augenzwinkern. Die erste Hälfte spielte auf dem Lande, die meistgebrauchte Requisite waren Bambuskörbe, aus denen Markfrauen ihre Waren verkaufen. Mit diesen Körben wurde getanzt, gearbeitet, Tiere und Szenen dargestellt. Meine Begleitung meinte nach der Show, in dieser ersten Hälfte die Entwicklung einer Gesellschaft gesehen zu haben, von wilden Alleingängern über kleine Kooperationen zu dem Entstehen von Hierarchien und der Entdeckung neuen Landes, alles ausgedrückt durch Tanz und Musik. Die zweite Hälfte spielte in der Stadt und war ein Potpourri typischer Stadtszenen: Busse, die so verrückt fahren, dass alle Insassen durcheinandergeschüttelt werden, und Jugendliche die im Bus erbrechen. Rücksichtslose Lärmbelästigung durch Nachbarn, Bettler die Lottolose verkaufen, Spas in denen so hart massiert wird, dass danach der Rücken schmerzt, Verliebte die sich in der Öffentlichkeit nicht küssen können weil sonst die Nachbarn schlecht redden, ploetzliche Stromausfaelle, die neugewonnene Liebe der vietnamesischen Jugend zu flashmobs, und die der aelteren Bevoelkerung zu oeffentlicher Aerobic.

Eine absolute empfehlenswerte Show, die ich jedem Saigon-Besucher ans Herz legen moechte, mit dem Hinweis dass die Show umso geniessenswerter ist je mehr man ueber die vietnamesische Kultur weiss oder sich von einer Begleitung erzaehlen lassen kann.

http://www.aoshowsaigon.com/en

21.8.13 10:05, kommentieren

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