Das Vietnam meiner Erinnerung
Meine Erinnerungen an Vietnam aus meiner Kindheit haben so gut wie nichts mit dem Vietnam zu tun, was ich hier täglich erlebe. Meine letzte Vietnamreise habe ich mit acht Jahren unternommen, wir waren damals fast ausschließlich in Dong Ngac, dem Dorf/Vorort, in dem meine Verwandtschaft wohnt. Meine Erinnerung von damals bestand aus schwüler Luft, Schweiß auf der Haut vermischt mit Staub und Dreck, der Geruch nach verbranntem Holz und Räucherstäbchen, Fahrtwind auf dem Motorrad ohne Helm, feuchter Lehmboden, Gemüsefelder und Wasserbüffel, von unbekannten Leuten irgendwohin mitgenommen zu werden, ein Abenteuer, nasse Füße in Plastiklatschen, Jugendliche die Zuckerrohr essend die Straße langlaufen.
Vieles hiervon gibt es nun in Dong Ngac nicht mehr, oder es wird überschattet, nämlich von dem neuen Vietnam, der Entwicklung. Das Vietnam, das ich jetzt erlebe besteht aus Luftverschmuzung, Motorrädern und Hupen, Schlamm auf Asphalt, Verkehrschaos, Plastikmüll im Wasser, Tiere, die auf der Straße geschlachtet werden, Bauarbeitern, Brautpaaren, die zwischen all dem Dreck ihre Hochzeitsfotos schießen, Verkäufern, die mir auf Englisch hinterherrufen, und Jugendlichen, die auf ihren Handys telefonierend die Straße lang laufen.
Wo ist das Vietnam von damals hin? Habe ich mich of gefragt. Aber es gibt es noch, wenn man den Großraum Hanoi verlässt und aufs Land fährt. Hier erlebe ich das Leben Leben noch als unbeschwertes Abenteuer und nicht als anstrengende Herausforderung.
Vor einigen Wochen hat mich meine Gastmutter/-schwester mit auf ihr Heimatdorf in der Provinz Bac Giang genommen und ich habe dort eine wunderschöne zeit verbracht. Hier schlafen drei Leute zusammen in einem Bett. Ein Badezimmer gibt es im Haus nicht. Wer muss, geht hinters Haus, wo die Enten im Teich schwimmen. Für Zähneputzen und ähnliches schöpft man sich Wasser auf einem großen Bottich im Hof. Für's Haarewaschen geht man bei der Nachbarin ins Frisörgeschäft. Ständig fährt man mit dem Motorrad zwischen den Häusern der Oma mütterlicherseits und väterlicherseits hin und her. Dabei trägt man den ganzen Tag Plastikschlappen, denn die sind abwaschbar. Schuhe würden sich auf den nassen, lehmigen Straßen nur vollsaugen.
Dann werde ich wieder von irgendwem, der mir erst vor zwei Minuten vorgestellt wurde, irgendwo hin mitgenommen. Einen Plan gibt es nicht, man fährt dahin, wo die Menschen sind. Jetzt bin ich im Haus eines Schwippschagers. Er lächelt mich an, und ich frage ihn, ob er einen Wasserbüffel hat, ich habe nämlich noch nie einen streicheln können. Kurz darauf schlängeln wir uns den Weg zwischen Palmen und Tümpeln hindurch zum Wasserbüffel. Er steht an einen Stein angebunden auf dem Feld,grast ganz gemütlich und ich streichel ihn. Ein schönes Tier. Dann gehe ich mit dem Mann zurück zum Haus. Ich nenne ihn "Chú" (jüngerer Onkel väterlicherseits), auch wenn ich wenige Minuten später herausfinde, dass er älter als mein Vater ist. Man kann ja mal falsch liegen. Der Onkel stellt mir nicht tausend Fragen über meine Familiensituation und mein Privatleben, wie die Menschen in Hanoi das tun. Er hört mir einfach nur lächelnd zu, wie ich erzähle, dass es in Deutschland keine Wasserbüffel gibt. Er macht einen kleinen Umweg, will mir noch ein bisschen was vom Dorf zeigen. Die Nachbarn vor den umliegenden Häusern fragen wer ich bin, und der Onkel erklärt schlicht: "Eine Freundin von Ngoc (meiner Gastschwester) aus Deutschland." Das wars. Ein interessiertes Nicken. Kein Reißerisches Oooh und Aah, niemand der mir "Hellooooo" hinterher ruft. Dabei hätte ich gedacht, dass man als Ausländerin gerade auf dem Lande die reinste Sensation ist. Jedoch gehen die Leute hier tatsächlich mit mir natürlicher um, als in der Hauptstadt.
Zurück im Haus schenkt mir der Onkel grünen Tee ein. Eine Tasse gibt es nicht, eine aufgeschnittene Cola-Dose hält her. Ich sage, dass ich mich freue, hier zu sein, und er erwidert, in dem banalsten Tonfall: "Wir sind sehr arm." Es ist kein mitleidiges Klagen, einfach nur eine Feststellung, er hätte auch sagen können "Heute scheint die Sonne." Ich nicke schüchtern, was soll ich denn sagen? Ich weiß nicht, ob er eine Bestätigung haben will, aber ein Leugnen wäre auch falsch, und so etwas wie "Das ist doch nicht schlimm" wäre ziemlich bescheuert. Da ich nichts sage, fährt der Onkel fort: "Hier in Vietnam haben es die Leute nicht so gut wie in Europa. Wir wurden lange beherrscht, von den Franzosen und den Amerikanern. Und dann haben sie dieses Gift ausgeprüht. Dann werden die Menschen behindert, so wie die Kinder, die du unterrichtest."
Ngoc kommt vom Markt zurück, sie hat zehn Plastiktüten mit verschiedenen Inhalten, und beginnt Essen zu kochen. In der "Küche", einem kleinen Schuppen ohne Wassser und Strom, hockt sie auf dem Boden und schiebt ein paar Stücke Palmenholz ins Feuer, um Reis zu kochen. Ich hocke mich daneben und schäle Erdnüsse, Dreckreste bleiben dabei an meinen Händen, denn die Nüsse kommen anscheinend wirklich frisch aus der Erde. Ngocs Brüder kommen von irgendwoher mit dem Motorrad angedüst. Einer von ihnen nimmt ein Messer und schlägt eine Stange Zuckerrohr vom Feld ab. Dann hocken sie sich in ihren Plastiklatschen auf den Boden und essen Zuckerrohr. Das Leben ist schön, denke ich mir, und ich bin dankbar für diesen Moment.
Dann habe ich das große Glück, dass just an diesem Tag ein Dorffest veranstaltet wird, was nur alle zwei Jahre stattfindet. Ein musizierender Umzug mit verkleideten Menschen und etlichen Gabenträgern, vorneweg ein Bild von Ho Chi Minh, zieht zwischen den Reisfeldern das Dorf entlang. Ich habe ein paar tolle Fotos schießen können, möchte hier aber abermals darauf hinweisen, dass dies trotz aller Stereotypen nicht das Alltagsbild Vietnams ausmacht! Das Straßenbild Asiens ist nun mal von Motorrädern geprägt, nicht von Drachenumzügen.
Irgendein Mädchen aus der Großfamilie nimmt mich an der Hand und wir beide folgen dem Umzug, auf den Berg zur Pagode. "Große Schwester, große Schwester", ruft sie, "gibt es so etwas in deinem Land auch?" Ich verneine und stelle eine Gegenfrage: "Hat kleines Geschwisterchen außer mir schon mal einen Ausländer getroffen?" "Noch nie, große Schwester, noch nie!" grinst sie.
Was für ein schöner Tag, denke ich mir, und atme tief die schwüle Luft ein, die nach verbranntem Holz und Räucherstäbchen riecht. Mein Gesicht ist voll von Schweiß und Dreck, meine Füße in den Plastiklatschen nass und schlammig.
Könnte ich gerade glücklicher sein?

Ein Bett, ein Tisch, auf der anderen Seite des Raumes steht noch ein Fernseher. Im zweiten Stock schlafen die Kinder. Mehr gibt es in dem Haus nicht.
Bis ins letzte Dorf hängt der Staat seine Propagandaplakate auf. "Die kommunistische Partei Vietnams auf ewig!"
Farb-Experimente
Ich entschuldige mich für das derzeitige Farbenchaos auf der Seite. Ich konnte beim besten Willen nicht die Ursache für den gelegentlichen schwarzen Hintergrund finden, und versuche deshalb, eine Schriftfarbe zu finden, die sowohl mit schwarzem als auch weißem Hintergrund klappt...
Stromausfall
Eigentlich ist es keine große Erwähnung wert. Es gibt hier eben Stromausfälle. Gelegentlich. So etwa ein Mal im Monat erlebe ich einen. Sie dauern nie lange, und sind meist örtlich sehr begrenzt.
Der Grund, weshalb ich mich tozdem entschlossen habe, einen Eintrag darüber zu veröffentlichen, ist die Reaktion der Vietnamesen auf Stromausfälle, die mich zutiefst irritiert.
Normalerweise lieben es Vietnamesen, einfach alles zu kommentieren. Wenn ein Kind hustet, dann rufen alle umstehenden Frauen entzückt aus: "Oi, es hustet!". Wenn mich eine alte Oma fragt, ob ich vorhabe, einen Vietnamesen zu heiraten und ich daraufhin verlegen lache, zetert die Oma: "Da lacht sie! Sie lacht!". Wenn eine dicke Frau vorm Haus vorbeigeht, wird meine Gastschwester mir zuflüstern: "oi, eine dicke Frau!". Und wenn alles still ist, nichts passiert, und plötzlich kippt mein Fahrrad um, und alle umstehenden schauen drauf und haben offentsichtlich mitbekommen, dass mein Fahrrad gerade umgekippt ist, dann gibt es garantiert noch jemanden, der posaunt: "ui, da ist das Fahrrad umgekippt!".
Und dann erlebe ich meinen ersten Stromausfall. Ich sitze in der Blindenschule, der Computer rattert, der Ventilator surrt, und plötzlich geht das Licht aus und alles wird still. Ich war fest davon ausgegangen, dass in solch einer Situation jemand rufen würde "Oh, der Strom ist weg!", oder zumindest "oi, das Licht ist aus!", aber ich höre nichts dergleichen. Deswegen begreife ich auch sekundenlang nicht, dass es sich tatsächlich um einen Stromausfall handelt, ich gehe davon aus, dass der Lehrer das Licht willentlich ausgeschaltet hat, sonst hätte er garantiert einen Kommentar abgelassen. Aber es bleibt still, und der Lehrer kippt seelenruhig die Reste seines grünen Tees weg. Nach einigem Zögern nehme ich es also selbst in die Hand und kommentiere: "Der Strom ist aus." Der Lehrer antwortet völlig gelassen: "Ja stimmt, der Strom ist aus." Bei aller Liebe, wenn ein Husten oder ein Lachen wie eine Sensation geahndet wird, dann doch bitte auch ein Stromausfall, selbst wenn er hier deutlich öfter vorkommt als in Deutschland!
Nach nunmehr acht Monaten hier hat sich diese Beobachtung als konstant erwiesen. Während Vietnamesen wirklich jede Kleinigkeit des Alltags einen Kommentar oder Ausruf wert finden, schweigen sie bei Stromausfällen, was mich manchmal in dem Glauben lässt, dass ich die einzige bin, die davon überrascht ist.
An einen Stromausfall erinnere ich mich noch sehr gut, es war an einem der vielen Familienzusammenkünfte (Todestag oder Geburtstag... wird eh alles gleich gefeiert). Circa 20 Verwandte saßen beisammen, der Fernseher auf voller Lautstärke, Wärmeplatten dampften auf dem Boden, die Kinder spielten zusätzlich mit irgendwelchem elektronischen Spielzeug.
Plötzlich ging alles aus, es wurde dunkel, sill und kalt im Raum. Trotz der 20 Anwesenden im Raum, war es mucksmäuschenstill. Einigen Frauen entwich ein kleines, fast geflüstertes "oh...", doch sonst saßen einfach alle still und warteten. Zu allem Überflüss brach meine älteste Tante nach einigen Momenten das Schweigen mit dem Satz: "Jetzt keine Panik, alle ganz still." Ich habe meine Verwandtschaft bestimmt noch nie so still erlebt wie in diesem Moment. Sie hörten sogar auf, zu Essen und stellten all ihre Gespräche ein, selbst als nach etwa einer Minute der Raum mit Handy-Taschenlampen wieder ziemlich gut ausgeleuchtet war. Spätestens ab diesem Tag habe ich mich nicht mehr gewundert, warum absolut jedes in Vietnam produzierte Handy eine eingebaute Taschenlampenfunktion hat.
Nach vier oder fünf Minuten war schließlich alles wieder an, (komischerweise habe ich noch nie einen Stromausfall erlebt, der länger als 20 Minuten dauerte). Meine Tanten fingen dann eine Diskussion darüber an, ob es tatsächlich so eine gute Idee war, vier Wärmeplatten gleichzeitig auf mehreren hundert Grad zu haben, und es wurde beschlossen, mit einer Wärmeplatte weniger weiterzuessen.
Braille
Es zahlt sich wirklich aus, dass ich Braille gelernt habe. Braille ist eine Punktschrift, die Blinde nutzen. Jede bestimmte Kombination aus sechs Punkten in zwei Reihen steht für einen anderen Buchstaben oder ein Satzzeichen und wird mit einem Griffel durch eine Schablone in ein Papier gestanzt. Mit dem Auge kann man die Punkte klar erkennen, so dass ich schon nach drei Tagen Übung Braille lesen, und nach ein paar Wochen auch schreiben konnte. Mit dem Schreiben tun sich die meisten anderen Freiwilligen schwer, da man ja spiegelverkehrt stechen muss, weil das Blatt in der Schablone ja umgedreht ist.
Mittlerweile habe ich so viel Übung, dass ich sogar die Buchstaben und Betonungszeichen aus dem vietnamesischen Alphabet und fast alle Satzzeichen auswendig kann. Lesen tue ich immer noch mit dem Auge und kann dabei nun schon viele Wörter nach kurzem raufgucken erkennen. Natürlich hab ich auch schon geübt, mit dem Finger zu lesen, das klappt mit einer Trefferquote von etwa 70%, dauert aber enorm lange und in der Regel ist nach spätestens zwei Zeilen meine Fingerkuppe überreizt, weil ich etliche Male auf jedem einzelnen Buchstaben hin- und herfahre, um ihn zu entschlüsseln.
Ich nutze meine Braille-Kenntnisse im Unterricht auch voll und ganz aus, manchmal helfe ich Schülern, die richtige Stelle im
Buch zu finden, ich entwerfe Ratespiele, bei denen ich Begriffe für die Schüler aufschreibe, und ich gebe ihnen schriftliche
Hausaufgaben auf, die ich korrigiere 
Das Braille-Alphabet
Da es jedoch für längere Texte enorm anstrengend ist, sie per Hand zu schreiben und die anderne Freiwilligen ja wie schon gesagt meist kein Braille schreiben können, gibt es an der Schule auch einen Braille-Drucker. Der druckt sogar zwei-seitig, was ich absolut erstaunlich finde! Er stanzt die Löcher auf der einen Seite genau um so viele Millitmeter verschoben, dass sich auf der anderen Seite kein Loch befindet! Bisher war für den Drucker immer Mr. Hieu, einer der blinden Lehrer zuständig (so viel ich weiß, haben ihn ehemalige Freiwillige erfürchtig "the printing guy" genannt), es ist nämlich gar nicht leicht, einen Text am Computer in Braille zu übersetzen und auszudrucken. Da Mr. Hieu jedoch den lieben Tag natürlich noch andere Dinge als drucken zu tun hat, und oft genau nicht dann aufzufinden war, wenn wir etwas gedruckt brauchten, habe ich mich irgendwann dazu bereit erklärt, auch die Benuzung des Druckers zu lernen und das Drucken für die Freiwilligen zu übernehmen. Nun hat also Mr. Hieu sein Wissen an mich weitergegeben, und das war eine echte Herausforderung! Lass dir mal von einem Blinden, der kein Englisch kann, was am Computer erklären! Er kann dir ja nicht mal eben auf dem Bildschirm zeigen, wo du klicken sollst, stattdessen hatte er tausende Tastenkombinationen für diverse Menüs und Untermenüs im Kopf und ich hab mir alles minutiös gemerkt.
Nun ja, für mich ist Braille also ein Teil meines Alltags geworden, ich finde Braille hat auch etwas Ästhetisches. Es ist
eine sehr systematische und doch nicht langweilige Schrift. In meiner Vorstellung eignet sich nun auch bereits farbig
bedrucktes Papier noch zum Schreiben, ich habe Assoziationen wie "W" sieht aus, wir ein umgekehrtes "R" und unter dem Wort
"Stift" stelle ich mir mittlerweile nicht mehr nur Kugelschreiber und Marker vor, sondern auch ein kleines Plastikding mit
Metallspitze. Einer der Blindenlehrer hat mir solch einen Braille-Griffel geschenkt und ich trage ihn stolz immer mit mir
rum, wenn ich in der Blindenschule unterwegs bin.
Mein neuestes Projekt ist es, ein paar englische Kinderbücher, die irgenwelche, naja "Entwicklungshelfer" der Blindenschule
gepsendet haben, ins Vietnamesische übersetzen zu lassen und dann auf Braille auszudrucken. Es sind ein paar wirklich tolle
Bücher mit tastbaren Elementen dabei, aber sie bringen den Kindern natürlich erst etwas, wenn sie auf Braille lesbar sind.

Wer mehr über Braille, Schreibuntensilien und alternative Punktschriftsysteme erfahren möchte, dem sei wärmstens die Seite http://www.fakoo.de/ empfohlen, wo es zusätzlich auch noch Informationen zur Kommunikation mit Gehörlosen und Taubblinden gibt.
Mit meiner Tante im second hand
Über die Schere zwischen arm und reich, und das deutsch-vietnamesisch sein
Meine Tante wollte mich also Klamotten einkaufen nehmen. Ich hatte eigentlich nicht vor, mir in Vietnam zahlreiche Dinge anzuschaffen, ich bin meiner Meinung nach bestens versorgt (vor allem im Vergleich zu den meisten Vietnamesen habe ich einfach unglaublich viele Besitztümer), und von Hanoi nach Berlin und von Berlin nach London kann ich eh nicht so viel mitnehmen.
Aber die Aussage, dass ich nichts brauche, zählte für meine Tante nicht. Meine Verwandten sind für mein Empfinden ein bisschen neureich. In der Vergangenheit war eben Krieg und Armut und harte Arbeit auf dem Feld, und jetzt haben sie eben Jobs bei Banken und viel Geld, und das muss auch ausgegeben werden. Wenn meine Tanten etwas Tolles sehen, dann kaufen sie es, auch wenn sie es nicht wirklich brauchen, oder nicht mal genau wissen, wer in der Familie es nutzen wird. Das war vielleicht in Deutschland in der Nachkriegszeit nicht viel anders, aber für mich ist es eben etwas gewöhnungsbedürftig.
Na gut, dann gehen wir eben shoppen, Tante. Kennst du denn vielleicht einen Ort, wo es second hand Kleidung gibt?
Ich fand den Gedanken schon immer störend, dass etliche Resourcen verbraucht werden, um ein Stück Kleidung herzustellen, das ein Mensch dann ein paar
Monate trägt und dann irgendwann wegschmeißt. Da mein Vater in Deutschland öfter zum Trödelmarkt geht, sind selbst meine kleinen Geschwister in Deutschland schon mit dem second hand-Gedanken vertraut: Wenn uns die Kleidung zu klein ist, dann verkaufen wir sie, und von dem Geld bekommen wir etwas Neues, was andere Kinder schon getragen haben.
Für meine Tante in Vietnam war das allerdings erst mal etwas schwer verständlich. Wenn man Geld hat, kauft man sich etwas Neues, etwas Schönes, etwas Besseres damit man das Alte vergessen kann. Denn alte Kleidung bekommt man ja von seinen Geschwistern weitergereicht, für so was gibt man doch kein Geld aus!
Dass es in Vietnam eine relativ große Dikrepanz zwischen arm und reich gibt, habe ich mittlerweile verstanden. Nun begreife ich jedoch, dass meine Verwandtschaft am einen Ende der Schere, und alle anderen Menschen, mit denen ich sonst so zu tun habe (meine Schüler, meine Gastfamilie, meine Freunde etc.) am anderen Ende zu sein scheinen. Nicht dass ich hier das Gefühl habe, in brechender Armut zu leben, aber mein tägliches Umfeld lebt doch eher sehr bescheiden, zumindest im Vergleich zum Hanoier Durchschnitt. Das kommt vor allem daher, dass die Blinden und die second home-Kinder ja nicht aus Hanoier Familien stammen, sondern in den meisten Fällen aus armen Bauernfamilien vom Land stammen. Sie sind nur wegen ihrer Behinderung/Familiensituation nach Hanoi gekommen, haben nicht viel Geld und geben sich mit dem wenigsten zufrieden.
Dann kommt mich also meine Tante abholen. Sie ist eine erfolgreiche Bank-Frau, hat Ipod und smartphone, schickt ihr 5-jähriges Kind ins Englishcenter, trägt gucci und Louis Vuitton (vielleicht gefälscht, vielleicht auch nicht). Sie kommt mich im second home abholen, wo die Kinder mit Steinchen auf dem Boden spielen und die 14-jährigen Mädchen in billigen Plastiklatschen vor dem Haus das Essen kochen. Ich bin allerdings gerade nicht da, ich bin mit einigen der Kindern Milchtee kaufen. Die Kinder hatten heute nämlich frei und haben sich den ganzen Tag zu Hause gelangweilt und Tante Dao hat ihnen natürlich verboten, alleine wohinzugehen. Also bin ich mit ihnen losgezogen, einen kleinen Snack kaufen gehen, damit der Tag wenigstens eine kleine Abwechslung bietet. Und ich dachte, wenn meine Tante kommt, kann sie ja ruhig ein bisschen im second home warten und mit den Kindern quatschen, die Tür steht ja immer offen. Es ist ja eigentlich in Vietnam völlig normal, zu Leuten ins Haus zu kommen und mit ihnen zu quatschen. Und ich wollte eigentlich schon lange, dass meine Tanten sich mal mit den Kindern im second home bekannt macht, damit sie in Zukunft nicht mehr so misstrauisch von den "armen Waisenkindern" spricht. Aber das tut meine Tante nicht, sie parkt in 20 Meter Entfernung zum second home, so als würde sie einen Sicherheitsabstand zu den Kindern einhalten. Ihre Körperhaltung sagt: Beeil dich Laura, schnell weg von hier.
Wir fahren zu der Straße, wo es second hand Läden gibt. Wie alles in Vietnam, sind gleichartige Läden innerhalb einer Stadt immer eng beisammen, so dass wir von einem Laden zum anderen schlendern könnten, wenn meine Tante nicht meinte, die 10 Meter zwischen jedem Laden mit dem Motorrad zurücklegen zu müssen - wie meinte Magnus so oft beim Zwischenseminar: "In Vietnam fährt man jede Strecke, die länger ist als ein Motorrrad."
Second Hand Läden in Vietnam sind wirklich ein bisschen anders als normale Läden. Erstens ist die Ware nicht so gleichartig wie sonst immer. Es gibt wirklich ausgefallene, individuelle Stücke, nicht die vietnamesisch/chinesische Stangenware, die sonst fast in jedem Laden gleich ist. Zweitens sind die Verkäufer nicht so desinteressiert an ihren Produkten. Sie müssen ja jedes Stück einzeln irgendwo zugeordnet haben, also wissen sie genau was es gibt, und machen sogar so etwas wie Beratung.
Leider musste ich feststellen, dass ich im Vergleich zur Durchschnittsvietamesin doch recht dick bin. Meine Tante hat mir zwar Unmengen an Hosen aufgehäuft, von denen sie meinte, dass sie breit genug wären, aber im Schnitt musste ich bestimmt 10 Teile anprobieren, bis es eins gab, wofür ich nicht zu fett war.
Wie sehr ich mich an das Leben in Vietnam doch gewöhnt habe, habe ich daran gemerkt, dass ich ganz andere Kriterien bei der Kaufentscheidung hab spielen lassen, als ich das in Deutschland gemacht hätte. Wichtig war mir nämlich vor allem, ob man in der Hose bequem auf dem Boden hocken kann, ob man auf dem Oberteil Schweiß leicht sehen kann, und ob es sich leicht per Hand waschen lässt.
Ich war erfreut wie die anfängliche Scheu meiner Tante langsam wich. Im fünften Laden, der einem riesigen Wühltisch ähnelte (man musste quasi auf die auf dem Boden quellenden Kleiderberge treten um voranzukommen) fing sie während ich Hosen anprobiere, selbst ein wenig herumzugucken und stellte wohl fest, dass gebrauchte Kleidung nicht immer hässlich und alt sein muss. Am Ende kaufte sie sogar für sich selbst noch etwas.
Als wir fertig waren, hatte sie noch eine halbe Stunde bevor sie ihren Sohn vom English-Center abholen musste. Deswegen wollte sie mir noch einen Laden zeigen, in dem sie gerne einkaufen geht. Wir parkten also vorm Vincom-Center. Ich war an diesem kolossalen shopping-Palast schon oft vorbei gefahren, aber noch nie reingegangen und mir wurde auch schnell klar, warum: schicki-micki, blizeblank, steril, leblos, klimatisiert, gebonert, mit europäischen Waren zu europäischen Preisen (also, wie im KaDeWe) ist einfach irgendwie nicht mein Ding. Meine Tante hatte wohl gehofft, dass es mir gefällt, weil es so europäisch ist.
Was mir am heutigen Tage noch aufgefallen ist, ist dass meine Tante, obwohl sie viel besser Englisch kann als ich Vietnamesisch, in der Gegenwart anderer konsequent Vietnamesisch mit mir spricht. Sobald aber keiner außer mir zuhört, erklärt sie mir vertraut alles auf Englisch. Ich denke, dass selbst sie bemerkt hat, welch teils unangenehme Reaktionen es hervorruft, wenn Augenschein darauf gelegt wird, dass ich Ausländerin bin. Wenn sie im Laden oder sonstwo Englisch mit mir redet, werde nicht nur ich, sondern auch sie angeglotzt. Als sie im second hand Laden die Kleidungsstücke bezahlen ging, hat meine Tante das auch bewusst gemacht, ohne mich vorher zu sich zu rufen. Ich stand gerade in der anderen Ecke des Ladens, als meine Tante den Preis mit der Verkäuferin aushandelte, vermutlich in der Hoffnung, dass sich die Verkäuferin nicht erinnern würde, dass die Ausländerin zu ihr gehöre, was nun mal unweigerlich den Preis in die Höhe treibt.
Es ist ein blödes Gefühl, so ein Klotz am Bein zu sein. Wenn ich mit meinen Verwandten unterwegs bin, geht das meist nie ohne dass sie dummen Anmachen auf English kontern müssen, oder dass sie dem Verkäufer/Taxifahrer/Kellner meine Lebensgeschichte erzählen müssen.
Meine älteste Tante hat deshalb schon mal den Versuch gestartet, einfach zu verschweigen, dass ich Deutsch bin. Sekunden, nachdem wir uns im Suppenrestaurant hingesetzt hatten, kam die Frage: "Aus welchem Land kommt denn das kleine Mädchen, Tante?" und meine Tante versuchte ganz kühl zu sagen: "Sie ist doch Vietnamesin! Sie ist meine Nichte." Das Ganze hatte tatsächlich den Erfolg, dass die ewige Geleier an Fragen ausgelassen wurde (wie-lange-bist-du-schon-in-Vietnam, warum-kannst-du-so-gut-Vietnamesisch, willst-du-dir-einen-vietnamesischen-Ehemann-holen etc). Dafür mussten wir jedoch ein fünfmaligen ungläubiges Nachfragen ertragen, denn das ginge ja gar nicht, für eine Vietnamesin hätte ich eine viel zu lange Nase!
ein paar dicke Dinger
Ein paar Szenen aus den vergangenen Monaten, bei denen mir teilweise der Unterkiefer weggeklappt ist.
Ich rede mit Quynh und Viet aus dem Massage Center über Familienangelegenheiten
Quynh: Wie alt ist deine Oma?
ich: 77.
Quynh (zu Viet): Oh mann, schon 77, und da hat sie in ihrem Leben nur 10 Enkelkinder geschaft... Das ist aber keine starke
Leistung...
Ich: Wie bitte??
Quynh: Du meinstest doch, dass du 9 Cousins hast, oder?
Ich: Ja, aber das ist doch... viel!
Quynh: Ach Qautsch! Ich hab mehr als 100 Cousins.
Ich: Das geht doch gar nicht!!!
Viet: Doch! Quynhs Opa hat nämlich drei Ehefrauen.
Ich: Was?!
Viet: Er gehört der ethnischen Minderheit Tày an, da ist das... gestattet.
Eine entfernte Verwandte trifft mich zum ersten Mal und begutachtet mich:
"Lass dich mal ansehen, hübsch bist du. Vietnamesische Augen, aber eine lange Nase, und Pickel hast du, die sind wirklich
sehr hässlich. Aber hübsch bist du, sehr hübsch."
Meine Tante hat gerade auf vietnamesisch mit einer Bekannten geschwazt, dann wendet sie sich erheitert zu mir und spricht in
so undeutlichem Englisch, dass ich erst im Nachhinein verstand, was sie gesagt hatte.
Tante: "Laura, since last time I saw you, you gain weight."
Laura: What? Can you repeat?
Tante: You gain weight.
Laura: I still don't understand.
Tante (nun in nicht mehr erheitertem, dafür toternstem Ton): You are fat.
Meine Oma klärt einen entfernten Verwandten über meine Essgewohnheiten auf:
"Meine Enkelin hier isst vegan, sie isst kein Fleisch, kein Fisch und kein Ei. Sie macht das, weil sie Angst hat dick zu
werden; dick wie ihre Mutter."
Mein Onkel gibt einem der vielen Neujahrsbesucher Auskunft über mich, zumindest das, was er meint, über mich zu wissen:
"Ja, sie studiert schon in der Uni. Aber in Europa muss jeder, bevor er studieren darf, ein Jahr lang Sozialarbeit im Ausland
leisten. Deswegen ist die jetzt hier und arbeitet mit armen Kindern."
Eine vietnamesische Mitfreiwillige hat mich zu sich nach Hause eingeladen:
"Das hier ist Luong, mein Bruder. Aber sein Spitzname ist Bin. Mein Vater hat den Spitznamen ausgesucht, weil er so viele
berühmte Leute mag, die Bin heißen. Weißt du, Mr. Bean, Bin Laden und so..."
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Und ein paar Erklärungen:
Dick sein ist in der vietnamesischen Gesellschaft ein Zeichen von Wohlstand. Statt "Du isst aber viel!" sagt man "Du isst aber gesund!". Ich will nicht sagen, dass dick ein Schönheitsideal ist, aber es wird nicht so verstoßen wie in der nach Schönheit strebenden westlichen Kultur. Generell geht man hier viel lockerer mit dem Wort "hässlich" um. Man hört es ständig als spaßigen Kommentar über irgendwas oder irgendwen, ohne dass es als Schlag ins Gesicht wirkt, wie das in Europa der Fall wäre.
Das mit der Freiwilligenarbeit ist in Vietnam schwer zu vermitteln. Viele verstehen nicht, warum ich freiwillig nicht direkt zur Uni gehe, sondern erst mal ein Jahr ohne Bezahlung arbeite. Deswegen, so habe ich festgestellt, haben sich einige meiner Verwandten die Erklärung zurecht gelegt, dass ich wohl von deutscher Seite aus gezwungen sein muss, diesen Freiwilligendienst zu machen. Außerdem ist das die schönere Geschichte, die man Bekannten gegenüber erzählen kann.
Und meine Mitfreiwillige hat nach einigem Nachfragen zugegeben, dass weder sie noch ihre Vater wissen, wer Bin Laden genau war, sie wusste nur, dass der Name berühmt ist.
Eine Analyse des vietnamesischen Fernsehens
Filme
wie verwöhnt sind wir deutschen doch von perfekt synchronisierten amerikanischen Serien und auch der ein oder anderen guten
deutschen Sendung?
Obwohl es nicht bedeutend weniger vietnamesische als deutsche Muttersprachler gibt, erachtet man es in diesem Land nicht als
nötig, Serien angemessen ins Vietnamesische zu übertragen. Wenn das vietnamesiche Fernsehen koreanische und japanische Serien
, gelegentlich auch schlechtes Hollywood einkauft, werden diese häufig einfach ganz billig mit vietnamesischem Untertitel
versehen, so laufen die Filme übrigens auch im Kino. Manchmal macht man sich auch die Mühe, den Film zu "dubben", das heißt
es gibt eine Sprecherin (meist eine Frau), die einfach zusätzlich zum Originalton die Texte auf Vietnamesisch mitspricht, und
zwar alle Rollen, in total unvariierter, häufig emotionsloser Stimme. Man kann an ihrer Stimme nicht erkennen, welcher
Charakter im Film den Satz gerade gesagt haben soll, das muss man dann daran sehen, wer gerade den Mund bewegt, oder, falls
die Person nicht im Bild ist, welche Stimme im Originalton gerade zeitgleich etwas sagt.
Es gibt natürlich auch nicht wenige vietnamesische Produktionen, bei jenen ist jeodch meist die schauspielerische Leistung
nicht wirklich umwerfend. Zudem sind die meisten vietnamesischen Schauspieler Südvietnamesen, und der südvietnamesische
Dialekt kann einem nach einer Weile ganz schön auf die Nerven gehen. :]
Nachrichten
Die Nachrichten in Vietnam kommen immer um 19 Uhr und dauern eine ganze Stunde. Die erste Viertelstunde ist dabei für die
Aktivitäten des vietnamesischen Präsidenten reserviert. Es scheint, als würde er jeden Tag einen anderen Staatsbesuch
abhalten oder ein anderes Land bereisen. Am Anfang hatte ich gar den Verdacht, dass das Fernsehen ein paar dieser
Staatsempfänge inszeniert oder aus alten Archiven rauskramt, damit das Leben des Präsidenten gewichtiger erscheint. Nach
einiger Zeit ist mir klar geworden, dass der vietnamesische Präsident vielleicht in der Tat mehr Staatsbesuche ableisten muss
als Frau Merkel, da er keine EU hat, die viele bilaterale Angelegenheiten für ihn klärt, er muss bei jeder kleinen Sache du
dem betreffenden Land fahren und das persönlich klären. Natürlich durchschaut man nach einer Weile auch, auf welche Weisen
das Fernsehen die Aktivitäten von Mr. Nguyen Dung auf 15 Minuten streckt, während Merkel in der Tagesschau an guten Tagen
vielleicht eine halbe Minute abbekommt. Über einen eintätigen Staatsbesuch wird eben auch am nächsten Tag und am Tag danach
noch berichtet, nach dem Motto: "Gestern besuchte der Präsident den und den", wobei der Informationsgehalt stets der Gleiche
bleibt. Des Weiteren kommen meist kurze Sequenzen aus dem Moment der Fahnenhissung und des Spielens beider Nationalhymnen und
auch aus den Reden der beiden aufeinandertreffenden Präsidenten werden längere Ausschnitte gezeigt, als man es als
Tagesschaugucker gewohnt ist.
Die zweite Viertelstunde beschäftigt sich mit Inländischem, zur Regenzeit wird meist eine gesamte Viertelstunde über die
Überschwemmungslage im Land berichtet.
Die dritte Viertelstunde mag ich am liebsten, hier geht es um ausländisches und internationales, und hier leistet das
vietnamesische Fernsehen meiner Meinung nach interessantere Arbeit als die meisten deutschen Nachrichtensendungen. Zwar
verstehe ich in der Regel kaum etwas, von dem, was gesagt wird, aber ich habe doch Einblicke in Plenarsitzungen sämtlicher
UNO-Gremien und sonstiger Internationaler Verbände bekommen.
In der letzten Viertelstunde kommt dann Vermischtes, etwa ein aufgedeckter Hühnerkrallenexportskandal, zu dem Zeitpunkt haben
die meisten Vietnamesen eh schon auf einen Spielfilm umgeschaltet.
Eine Sendung, von der ich anfangs überrascht war, weshalb sie sich so großer Beliebtheit erfreut, ist das Glücksrad. Ich meine, dass ist in Deutschland etwas, was zur Mittagszeit läuft, wenn nur gelangweilte Hausfrauen zuschauen, aber in Vietnam läuft es zur besten Sendezeit und alle Bevölkerungsgruppen schauen zu. Der Grund: Jedes Wort kann im Vietnamesischen sechs verschiedene Betonungszeichen tragen, was zu sechs unterschiedlichen Betonungen des Wortes führen kann. Diese Betonungszeichen werden allerdings beim Aufdecken der Buchstaben nicht mitangezeigt. Das heißt, dass selbst wenn alle Buchstaben erraten worden sind, immer noch nicht klar ist, um welches Wort es sich handelt. Ich hab schon ein Mal eine Glücksradsendung gesehen, in der alle Buchstaben aufgedeckt waren, aber keiner der Kandidaten die Lösung mit der richtigen Betonung vorlesen konnte (es handelte sich um den Namen einer kleinen Stadt, die anscheindend niemand kannte). Auflösen musste dann ein Zuschauer aus dem Publikum. Das macht die Sendung natürlich zu einer viel spannenderen Sache als das in Deutschland der Fall ist.
Werbung
Sehr auffällig ist die Häufung an Werbung für Medizin. Da Vietnamesen sehr selten zum Arzt gehen und Medikamente weniger oft
verschreibungspflichtig sind als in Deutschland, hat die Werbung einen großeren Einfluss auf die Medikamenteneinnahme als der
Arzt. Trotzdem sind Medikamentenwerbungen eigentlich nie kreativ. Im Grunde folgen sie immer dem gleichen Schema: Zuerst
werden Bilder von leidenden Menschen gezeigt, also Menschen mit Bauchschmerzen, Zahnschmerzen, Potenzproblemen etc. dann
kommt eine sehr detailgetreue graphische Darstellung des bestroffenen inneren Organs. Es ist schon gewöhnungsbedürftig, beim
Fernsehen zur Prime Time Abbildungen eines verstopften Dünndarms oder einer Entzündeten Speiseröhre zu sehen. Manchmal wird
noch rangezoomt, bis man das Gewebe samt Blutgefäße erkennen kann, damit gezeigt werden kann, wo genau das Medikament wirkt.
Dann wird immer in Großaufnahme gezeigt, wie der betroffene Mensch die entsprechende Pille schluckt, sehr langsam und
demonstrativ, mit einem großen Glas Wasser und einem glücklichen Gesichtsausdruck. Zum Schluss dann der zufriedene,
glückliche Mensch ohne Beschwerden. Es ist wirklich nicht sehr einfallsreich.
Was natürlich fehlt, ist der "Die-Risiken-und-Nebenwirkungen-zu-denen-wir-verpflichtet-sind-sie-hinzuweisen-sind-zu-lang-
für-diesen-Werbespot-deshalb-lesen-sie-es-nach-oder-verwickeln-ihren-Apotheker-in-ein-langes-Gespräch"-Hinweis.
Die Produktgruppe, die am zweithäufigsten beworben wird, ist Milch. Milch macht stark, Milch ist gesund. Milch enthält
vieles, was der Körper braucht, besonders Kinder, wenn sie wachsen. und die Kühe sind auch glücklich. Ich hab schon den ein
oder anderen Spot gezeigt, in dem es ins Groteske gezogen wird, weil sich augenscheinlich die Intelligenz der betroffenen
Kinder durch das Trinken von Milch erhöht. Ja, obwohl historisch über 90% der Asiaten eine Laktoseintolleranz haben, wird
Milch propagiert bis zu Geht-nicht-Mehr. Und das zeigt Wirkung. "Laura, wenn du kein Fleisch isst, musst du Milch trinken,
sonst hast du keine Energie", hat mir hier fast schon jeder Erwachsene ein Mal propagiert und mir versucht, ein Milch-
Trinkpäckchen anzudrehen, was die Erwachsenen selbst nie trinken, weil sie fast alle laktoseintolerant sind, aber in Massen
für ihre Kinder kaufen, in der Hoffnung, dass sie dadurch klüger werden. Ein Mal hab ich einen verbalen Verteidigungsversuch
gestartet: "Tante, in Milch steckt nicht wirklich irgendwas, was mir Energie bringt oder mir beim Denken hilft. Ja, in Milch
steckt Calcium, aber das ist für die Knochen gut, nicht als Energiespender. Da ist es besser wenn ich Früchte esse." Meine
Tante hat alles abgestritten. "Laura, es ist eine weitverbreitete Tatsache, dass Kinder Milch brauchen. Ich kann dir gerade
nicht genau sagen, was da genau drin steckt, aber es ist nun Mal so."
Liebe Vietnamesen. Um schlau zu sein, hilft Denken, nicht Milchtrinken!








